Südsudan

Nomaden des Krieges: Vertriebene Familien im Südsudan

Die anhaltenden Kämpfe im südsudanesischen Bundesstaat Upper Nile führen zu weiteren Todesfällen und Vertreibungen. Manche der Menschen waren bereits in der Vergangenheit zur Flucht gezwungen und leben unter schwierigen Bedingungen. In Malakal suchten zusätzliche 6.600 Menschen Zuflucht auf dem bereits überfällten Gelände der Vereinten Nationen (UN). In Melut, einer Stadt nördlich von Malakal, sind seit Anfang April mehr als 1.665 Familien über den Nil geflohen. Ärzte ohne Grenzen ruft daher alle an dem Konflikt Beteiligten dazu auf, dringend benötigter humanitärer Hilfe Zugang zu allen Teilen des Landes zu gewähren.

Die neue Welle der Vertreibung fand Anfang des Monats ihren Höhepunkt, als erneut Kämpfe ausbrachen. Damit ist seit dem Ausbruch des Konflikts im Dezember 2013 die Anzahl der vertriebenen Menschen auf dem ohnedies bereits überfüllten UN-Gelände in Malakal auf 26.500 gestiegen. Die Neuankömmlinge im Lager zum Schutz der Zivilbevölkerung leben in großen Zelten – dutzende Familien teilen sich ein Zelt und schlafen auf dem Boden.

Mangel an Trinkwasser und Sanitäranlagen

Ärzte ohne Grenzen bietet im Spital auf dem UN-Gelände weiterhin medizinische Hilfe an, während sich andere Organisation um die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen kümmern. Doch mit der anhaltenden Überfüllung werden die wenigen bestehenden Ressourcen bis an ihre Grenzen ausgeschöpft.

 „Die Regenzeit hat gerade erst begonnen. Aufgrund der Überfüllung sehen wir im Vertriebenenlager lange Schlangen an den Wasserstellen, weil es so wenig Wasser und einen geringen Wasserdruck gibt“, so Juan Prieto, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. „Menschen müssen auch ihre Notdurft im Freien verrichten, weil es nicht genügend Latrinen für alle gibt. Akute Durchfallerkrankungen nehmen zu – deshalb verstärken wir unsere Bemühungen, um Krankheitsausbrüche zu vermeiden. Vergangenes Jahr starteten wir ein Cholera-Notfallprojekt und eine Cholera-Impfkampagne im Lager. Wir sind wieder dazu bereit, wenn es nötig sein sollte. Doch wir fürchten, dass mit den anhaltenden Kämpfen weitere Menschen vertrieben werden, das Lager noch überfüllter wird und sich so die gesundheitlichen und allgemeinen Lebensbedingungen verschlechtern werden.“

Familien haben keinen Zufluchtsort

Aus der Stadt Melut sind mehr als 1.665 Familien auf das Westufer des Nils geflohen. Die meisten von ihnen sind Angehörige der ethnischen Minderheit Shilluk – sie waren bereits früher vertrieben worden und lebten in einem Lager. Der Großteil ist nun in das Noon-Gebiet geflohen, rund 10km vom Nil entfernt. Diese Familien leben unter Bäumen und haben so gut wie gar keinen Zugang zu Sanitäranlagen. Deshalb müssen sie ebenfalls im Freien ihre Notdurft verrichten und lange Strecken zurücklegen, um Wasser aus dem Nil zu holen. Doch solange dieses Wasser nicht aufbereitet wird, ist es nicht trinkbar. Andere Familien sind über das Westufer verstreut – in Kaka, Kuju und Toruguang Payams, rund 80km von Melut entfernt. Diese Familien haben ebenfalls keinen Zufluchtsort, und ihre Nahrungsreserven sind bald aufgebraucht. Derzeit leben sie nur noch von den Resten, die sie mitnehmen konnten, als sie Anfang des Monats weiterziehen mussten.

„Das größte Problem ist das Wasser“, erzählt die 17-jährige Teresa, eine Shilluk, die kürzlich nach Noon geflohen ist. „Ich muss drei bis vier Mal täglich zum Nil gehen. Jede Strecke ist ein Fußmarsch von rund 25 Minuten. Wir machen uns Sorgen um unser Leben und um die Zukunft, und ob wir überleben werden.“

Teams behandeln täglich bis zu 150 Menschen

Ärzte ohne Grenzen versorgt jede Familie mit Kits zur Wasseraufbereitung, damit die Menschen sauberes Wasser haben. Die Teams verwenden auch Schnellboote und Esel, um Nahrung und Hilfsgüter zu den Familien zu bringen. Die Organisation führt regelmäßige mobile Kliniken für die Bevölkerung in Noon durch, bei der sowohl ambulante Behandlungen als auch Notaufnahmen durchgeführt werden können. Akute medizinische Fälle werden in Gesundheitseinrichtungen in den Städten Melut und Kodok überstellt. An einem einzigen Tag behandelt Ärzte ohne Grenzen in Melut rund 150 Patienten und Patientinnen gegen Krankheiten wie Masern, wässrigem Durchfall und Atemwegserkrankungen. Doch aufgrund der anhaltenden Kämpfe in dieser Region ist die Organisation manchmal gezwungen, die Aktivitäten aus Sicherheitsgründen einzustellen. Die Bevölkerung bleibt in solchen Fällen in einer noch schlechteren Situation zurück.

„Die Menschen hier sind unterwegs, seit der Krieg ausgebrochen ist. Es gibt keinen Ort mehr, den sie Zuhause nennen können. Die Unsicherheit hat sie zu Nomaden gemacht, die von einem Ort zum nächsten ziehen, auf der Suche nach einem sicheren Hafen. Wann auch immer die Kämpfe losgehen, müssen sie weiter. In diesen Zeiten sind Kinder im Alter unter fünf Jahren und schwangere Frauen besonders verletzlich“, so Joao Martins, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Melut.

Kämpfe haben massive humanitäre Folgen

Die Sicherheitssituation in Upper Nile und anderen vom Konflikt schwer betroffenen Bundesstaaten bleibt weiterhin instabil. Das Mistrauen zwischen den Gruppierungen führt zu Kämpfen, die wiederum massive humanitäre Folgen haben.

Solange der Konflikt im Südsudan anhält, werden viele weitere Menschen vertrieben – manche in derart entlegene Gebiete, dass sie kaum mehr genug haben, um zu überleben. Ärzte ohne Grenzen ruft daher alle bewaffneten Gruppen dazu auf, die Bewegungsfreiheit humanitärer Organisationen und ihrer Teams in allen betroffenen Gebieten zu gewährleisten. Denn nur so können Leben gerettet werden.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1983 im Gebiet tätig, das heute die Republik Südsudan ausmacht. Die Organisation hilft in Notsituationen – wie bei Vertreibungen, Flüchtlingsströmen, alarmierenden Ernährungssituationen und bei Ausbrüchen von Krankheiten wie Masern, Malaria, akuten Durchfallerkrankungen und Kala Azar. Darüber hinaus leisten die Teams basismedizinische und  spezialisierte Hilfe. Seit der Konflikt im Südsudan im Dezember 2013 ausgebrochen ist, wurden zwei Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Manche leben in Lagern, während andere über die Landesgrenzen hinaus in benachbarte Staaten wie Kenia, Uganda, Äthiopien und den Sudan fliehen mussten.

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