Syrien

Syrien: “Die Menschen haben ihre physischen und psychischen Grenzen erreicht“

Mehr als 20 Monate nach Beginn des Konflikts tragen Zivilisten in Syrien die Hauptlast der anhaltenden Kämpfe. Das öffentliche Gesundheitssystem ist zusammengebrochen und die Menschen müssen für ihr tägliches Leben kämpfen. Der Winter ist eine zusätzliche Belastung für eine Bevölkerung, die bereits ihre Grenzen erreicht hat. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) betreibt derzeit drei Feldspitäler in Nordsyrien, in denen Notoperationen durchgeführt werden und medizinische Grundversorgung sowie Geburtshilfe angeboten werden. Der Einsatzleiter, der Österreicher Franz Luef, ist aus Syrien zurückgekehrt und beschreibt im Interview die aktuelle Situation in diesem zerrissenen Land – und die Schwierigkeit für Helfer,  Menschen in Not zu erreichen.

Sie sind gerade aus Syrien zurückgekehrt. Wie ist die Situation im Land?

Die medizinischen und humanitären Bedürfnisse sind riesig. Die gesamte Bevölkerung leidet. Das öffentliche Gesundheitssystem ist vollständig zusammengebrochen. Abgesehen von der Versorgung Verwundeter, die chirurgische Hilfe brauchen, bieten wir derzeit eine grundlegende medizinische Notfallversorgung für die alle an. In unserer Geburtsklinik hatten wir in einem Monat rund 60 Entbindungen, und in unserer Ambulanz behandeln wir etwa 50 Patienten pro Tag. Auch in der Notaufnahme behandeln wir ziemlich viele Patienten. Das zeigt, dass die Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Als wäre das nicht schon genug, müssen sie für ihr tägliches Leben kämpfen. Die Menschen kämpfen darum, Nahrung für ihre Familien zu bekommen und ihre Häuser zu heizen.

Sie haben den Aufbau eines Feldspitals von Ärzte ohne Grenzen im Norden des Landes geleitet. Können Sie das Projekt beschreiben? Wie sieht es dort aus?

Wir suchten nach einem Platz, der sicher genug war um ein Feldspital einzurichten. Einen Ort, wo sowohl die Patienten, unsere Mitarbeiter, als auch die Bevölkerung, die um das Krankenhaus herum lebt, sicher sind. Wir entschieden uns für einen Ort nördlich von Aleppo. Es ist ein kleines Dorf mit einer Bevölkerung von etwa 1.500 Menschen, darunter viele Kinder. Wir besprachen unsere Pläne mit dem Dorfvorsteher. Uns wurden zwei Gebäude zugewiesen, die wir an die Bedürfnisse einer medizinischen Einrichtung anpassen mussten. Eines der Gebäude beherbergt die Notaufnahme, die stationäre Abteilung und eine Geburtenstation, das zweite Gebäude einen Operationssaal und den Aufwachraum. Nach weniger als drei Wochen konnten wir bereits die Ambulanz eröffnen. Diese ist in einem Zelt untergebracht, das vom Dorf selbst zur Verfügung gestellt wurde. Alles in allem ist es ein kleiner medizinischer Komplex, und wir haben nun begonnen, diese Struktur zu erweitern, um mehr Kapazität für die stationäre und ambulante Behandlung von Patienten haben.

Woher kommen die Patienten, und was sind die wichtigsten Gründe, warum sie das Feldspital aufsuchen?

Anfangs kamen die Patienten vor allem aus dem Dorf. Nach einiger Zeit sprach es sich herum, dass wir da waren, und mittlerweile kommen auch mehr Patienten aus der Umgebung, aus bis zu 30 Kilometern Entfernung. Die Menschen schätzen es wirklich, eine zuverlässige medizinische Einrichtung zu haben, die 24 Stunden pro Tag und an sieben Tagen in der Woche offen ist. Das hatten sie in den vergangenen sieben bis acht Monaten nicht. Von Anfang an war es unsere Strategie, für die gesamte vom Konflikt betroffene Bevölkerung eine hochwertige Gesundheitsversorgung bereitzustellen. Wir wollten nicht nur chirurgische Kapazitäten für Kriegsverletzte aufbauen, sondern auch für Menschen da sein, die an chronischen Krankheiten leiden, oder für Frauen, die für die Geburt ihrer Babys zu uns kommen. Die Menschen sind wirklich auf der Suche nach einem sicheren Ort für Geburten. Man muss sich das ursprüngliche Gesundheitsprofil in Syrien vor Augen halten: Die Menschen sind ein phantastisches Gesundheitswesen gewohnt. Und ganz plötzlich ist dieses System zusammengebrochen, und jetzt gibt es keinen sicheren Ort mehr.

Wie steht es um die Sicherheit des Personals - ist Syrien nicht ein sehr gefährlicher Arbeitsplatz?

Wir haben einen Ort gesucht, an dem das Risiko auf einem akzeptablen Niveau ist - für unsere Mitarbeiter, für unsere Patienten und für die Bevölkerung um das Krankenhaus herum. Viele Gesundheitseinrichtungen, in denen Verwundete behandelt werden, sind in den vergangenen Monaten angegriffen worden. Indem wir der gesamten Bevölkerung eine Gesundheitsversorgung anbieten minimieren wir dieses Risiko. Also ja, es ist gefährlich, und ja, muss man ein gutes, solides Verständnis für den Kontext und die wichtigsten Akteure in der Region haben. Aber das Risiko ist derzeit auf einem akzeptablen Niveau. Das kann sich aber rasch ändern.

Was sind die größten Herausforderungen für die kommenden Monate?

Wir haben jetzt eine Situation, die als Patt zwischen zwei verschiedenen Gruppen beschrieben werden könnte. Dazwischen befindet sich die Zivilbevölkerung, und sie leidet am meisten. Wir haben den Großteil des Winters noch vor uns und ich fürchte, dass sich die Situation für die Zivilbevölkerung zunächst verschlimmern wird. Die Menschen haben ihre physischen und psychischen Grenzen erreicht. Sie kämpfen um das tägliche Überleben, um Nahrung und Brennholz zu bekommen. Wir sprechen hier über sehr viele Menschen: Aleppo hatte vier Millionen Einwohner. Wir wissen nicht, wie viele die Stadt verlassen haben, viele sind auf’s Land geflohen. Sie alle brauchen aber ein Dach über dem Kopf, sie brauchen medizinische Versorgung und Lebensmitteln. Doch es ist sehr kompliziert für uns, Zugang zur Bevölkerung zu bekommen. Dies wird weiterhin die größte Herausforderung sein.

Was fordert Ärzte ohne Grenzen?

Am wichtigsten ist es, mehr internationalen Druck auf alle Parteien auszuüben, den humanitären Raum zu respektieren und Zugang zur notleidenden Bevölkerung zu gewähren. Leider wurden humanitäre und medizinische Organisationen bisher nicht respektiert. Sie sind einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, und das hat nicht nur uns, sondern auch andere Organisationen daran gehindert mehr zu tun. Der humanitäre Raum, der jetzt benötigt wird, ist ein Recht der Bevölkerung und das muss respektiert werden.

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