Tschad

Tschad: Hunger, Fluten und Cholera

Im Tschad hat eine lange Dürreperiode, der sintflutartige Regenfälle folgten, die Ernte vernichtet und Brunnen überflutet. Manche Dörfer sind völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Viele Menschen sind von Mangelernährung geschwächt und haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dadurch können sie leicht an Cholera erkranken, die in der Region grassiert.

"Nach einer langen Dürreperiode sehnten alle die Regenzeit herbei, aber der Regen kam in diesem Jahr früher und war stärker als erwartet", sagt Oscar Niragira, medizinischer Koordinator im Tschad. Statt die trockenen Felder zu wässern, spülte der sturzbachartige Regen jedoch die frisch gepflanzten Stecklinge weg. Viele Familien haben dadurch die Nahrungsmittel verloren, die sie für ihre Familien angebaut hatten. Sie werden keine Erzeugnisse verkaufen können, um sich die Saat für die nächste Ernte oder andere Güter besorgen zu können.Die Fluten bedrohen nicht nur die Lebensgrundlage vieler Tschader, sie haben auch den Zugang vieler Menschen zu einer medizinischen Versorgung abgeschnitten. So sind beispielsweise einige Dörfer in der Nähe der Programme von Ärzte ohne Grenzen in AmTimam und Kerfi vollkommen von Wasser eingeschlossen, und Patienten können daher die Gesundheitseinrichtungen nicht mehr erreichen. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen erwarten eine starke Zunahme der Patientenzahlen, sobald die Straßen und Flussbetten wieder begehbar sind. Schon vor Beginn der Regensaison haben die Teams einen starken Zuwachs an mangelernährten Patienten beobachtet. In den kommenden Wochen erwarten sie einen weiteren Anstieg der Mangelernährung, aber auch von parasitäre Infektionen wie Malaria sowie Haut- und Durchfallerkrankungen.

Das Immunsystem der Menschen ist geschwächt

Wir haben in einem der überfluteten Dörfern namens Kishena Erkundungen durchgeführt. Wir fanden heraus, dass die Leute wegen des Hungers begonnen hatten, Wildgetreide zu essen, das sie normalerweise nicht zu sich nehmen würden", so Niragira. Zudem fanden wir viele der Brunnen vom Regen überflutet oder zerstört vor. Die Menschen mussten also verschmutztes Wasser trinken. Sie benützten nicht abgekochtes Wasser aus den Flussbetten zum Trinken, Kochen und Waschen."Cholera kann sich unter solchen Bedingungen leicht ausbreiten: Zwischen Juni und September 2010 waren in zwölf Distrikten des Landes mehr als 2.400 Cholerafälle zu verzeichnen - vor allem im Westen und in Zentraltschad. 109 Menschen sind bereits an der Krankheit gestorben. Ärzte ohne Grenzen hat in Ndjamena, der Region Lac und in Bokoro bereits mehr als 1.300 Cholerapatienten behandelt: "Wir haben dort zusammen mit dem Gesundheitsministerium Cholerabehandlungszentren aufgebaut, wir helfen im Wasser- und Sanitärbereich und mit allgemeiner technischer Unterstützung", so Niragira.

Überflutete Quellen erhöhen das Risiko von Choleraausbrüchen, außerdem fehlen oft Latrinen - aber andere Faktoren spielen auch eine Rolle. So erklärt Alexis Bahati, medizinischer Teamleiter von Ärzte ohne Grenzen in Bokoro: "Cholera kommt im Tschad saisonbedingt vor und es gibt regelmäßig größere Ausbrüche. Die Tatsache, dass jetzt mehr Menschen daran erkranken, liegt höchstwahrscheinlich daran, dass die ohnehin schon geschwächte Bevölkerung auch noch von den schweren Regenfälle und Überflutungen getroffen wird. Es gab kürzlich Masernausbrüche und hohe Mangelernährungsraten. Das Immunsystem der Menschen ist also bereits geschwächt, und das ist ein typisches Szenario für Choleraausbrüche."

Mehr als 27.000 mangelernährte Kinder versorgt

Die Ernährungssituation hat sich nicht stabilisiert. "Unsere größte Sorge im Hinblick auf die kommenden Monate ist die sogenannte "Hungerlücke". Das ist die heikle Zeit, in der die Nahrungsmittelvorräte aufgebraucht sind und man darauf wartet, dass die neue Ernte eingebracht wird. Diese Zeit wird jetzt länger dauern als normalerweise", erklärt Niragira. Bislang haben Teams von Ärzte ohne Grenzen mehr als 27.000 mangelernährte Kinder behandelt, von denen mehr als 21.700 schwer betroffen waren. Die Teams gehen davon aus, dass die Zahlen auch in den nächsten Wochen nicht abnehmen werden. Ärzte ohne Grenzen betreibt Ernährungsprogramme in den Regionen Hadjer Lamis, Batha, Guéra Chari Baguirmi, Ouaddai und Salamat und in der Hauptstadt N'Djamena.

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