Elfenbeinküste

„Wir haben eigentlich die Mittel, um Lungenentzündungen zu verhindern. Das macht mich wütend!“

Dr. Alan Gonzales war bereits 19 Mal mit uns im Einsatz, unter anderem in der Zentralafrikanischen Republik, in Haiti, Irak, Kenia, Libyen. Hier beschreibt er seine Erfahrungen bei der Behandlung von Kindern, die an Lungenentzündungen erkrankt sind. Ihn beschäftigen dabei vor allem die extremen Unterschiede: In Ländern wie den U.S.A. sind die Kinder in der Regel geimpft und bekommen keine Lungenentzündung. Aber weltweit bleibt die Lungenentzündung die häufigste Todesursache für Kinder. Ärzte ohne Grenzen kämpft daher weiterhin für eine Reduzierung der Impfstoffpreise.

Fast eine Millionen Kinder sterben jedes Jahr an einer unbehandelten Lungenentzündung. Werden die Kinder, die wir behandeln, wieder gesund?

Mit unserer Behandlung können sie wieder gesund werden. Aber eine Frage bleibt: Warum bekommen so viele Kinder eine Lungenentzündung? Das macht wütend, denn eigentlich haben wir die Mittel, um ihre Erkrankung zu verhindern. Es existiert ein Impfstoff gegen Lungenentzündung. Das macht wütend, denn wir haben die Mittel, um die Erkrankung von Kindern zu verhindern.

Aber nicht alle Kinder haben Zugang zum Impfstoff...

Deswegen sehe ich wohl so viele Fälle von Lungenentzündungen in unseren Projekten.

Ärzten fällt es dann wahrscheinlich schwer, sich an einzelne Patienten mit Lungenentzündung zu erinnern. Warum ist das so?

Richtig. Auch ich brauche lange, um mich an eine bestimmte Geschichte zu erinnern. Der Grund dafür ist, dass die meisten Kinder, die wir untersuchen, an Lungenentzündungen, Malaria oder Mangelernährung erkrankt sind. Oftmals haben sie zwei oder drei dieser Krankheiten gleichzeitig. Ich versuche, mich an all meine Patienten zu erinnern, aber das ist schwer, wenn so viele von ihnen ähnliche Symptome haben.

Erzähle uns von einer deiner Erfahrungen.

Als ich für Ärzte ohne Grenzen in Abidjan in der Elfenbeinküste war, behandelte ich einen Jungen in kritischem Zustand. Ich traf ihn erst, als er schon einen Pneumothorax entwickelt hatte. Bei einem Pneumothorax gelangt Luft in die Brusthöhle (Anm.: siehe Grafik, rechter Lungenflügel) und die Lunge kollabiert – das heißt: sie fällt in sich zusammen. Es kommt nicht oft vor, dass sich eine Lungenentzündung zu einem Pneumothorax entwickelt, aber aus der medizinischen Vorgeschichte des Jungen und weil er erst anderthalb Jahre alt war, schlossen wir, dass der Grund für seinen Pneumothorax eine schwere Lungenentzündung gewesen sein muss.

Das hört sich sehr schmerzhaft an.

Das Atmen fällt dann unglaublich schwer und man konnte sehen, wie er um Luft rang. Zuerst haben wir ihm Antibiotika gegen seine Lungenentzündung gegeben und ihn zusätzlich mit Sauerstoff beatmet. Seine Infektion wurde schnell besser, aber er konnte wegen seiner kollabierten Lunge weiterhin nicht richtig atmen. Er brauchte einen Katheter, mit dem die Luft aus seiner Bauchhöhle entfernt werden kann.

Was bewirkt das?

Wenn die Luft entfernt ist, kann sich die Lunge wieder ausweiten und man kann wieder normal atmen. Eigentlich ist das Legen eines Katheters ein einfacher Eingriff, den ich schon oft an Erwachsenen und Jugendlichen durchgeführt habe. Bei einem Kind ist es allerdings viel schwieriger. Wir fragten in nahe gelegenen Krankenhäusern, ob sie den Eingriff übernehmen würden, aber keiner war dazu bereit. Nachdem mehreren Tagen haben wir dann ein Krankenhaus gefunden, in dem es einen sehr erfahrenen Arzt dafür gab.

Wir schickten den Jungen in das Krankenhaus, wo er in guten Händen war. Ihm wurde der Katheder gelegt und er musste noch ein paar Tage dort bleiben.

Wurde er wieder gesund?

Ja! Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam er uns besuchen. Wir waren erleichtert, zu sehen, wie gut es ihm ging.

Allerdings hatten wir einfach nur Glück. Nur weil wir uns in Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste, befanden, gab es eine Einrichtung, die in der Nähe war und in der er behandelt werden konnte.

Diese Möglichkeit gibt es also nicht immer?

Genau. Ich habe an verschiedenen Orten gearbeitet, mit Ärzte ohne Grenzen und anderen Organisationen, wo wir solche Möglichkeiten nicht hatten. Bevor ich zu Ärzte ohne Grenzen kam, arbeitete ich zwei Jahre lang mit der indigenen Bevölkerung in Südmexiko. Wir fuhren in die abgelegensten Orte, in denen die Bevölkerung bloß ein oder zwei Mal im Jahr einen Arzt sah, und das waren wir. Ohne eine grundlegende Gesundheitsversorgung waren unsere mobilen Teams die einzigen Ärzte vor Ort.

Wie wirkte sich das auf die Menschen dort aus?

Nun, die Kinder, die wir in Südmexiko behandelten, hatten sehr ähnliche Symptome, wie jene in der Elfenbeinküste – es gab schwere Fälle von Lungenentzündung, Mangelernährung und Malaria. Mich beschäftigt sehr, wie unterschiedlich eine Krankheit bei Kindern verlaufen kann, je nachdem, wo sie leben.

Denn in Ländern wie den U.S.A. sind die Kinder geimpft und bekommen keine Lungenentzündung. Weltweit bleibt die Lungenentzündung jedoch die häufigste Todesursache für Kinder. Die Unterschiede sind extrem.

Deswegen sind regelmäßige Impfungen und Impfkampagnen so wichtig. Allerdings ist der Impfstoff gegen Lungenentzündung einer der Teuersten, die es gibt. Viele Länder können ihn sich gar nicht leisten.

Richtig. Bis vor Kurzem musste auch Ärzte ohne Grenzen einen hohen Preis für den Impfstoff bezahlen. Ende 2016 jedoch gaben die beiden Hersteller Pfizer und GSK endlich eine Preissenkung bekannt: Hilfsorganisationen erhalten den Impfstoff für Notfall-Einsätze um 9$ pro Kind - deutlich weniger als vorher.

Das sind gute Nachrichten (Anm.: siehe dazu die Berichte von Pfizer und GSK). Jetzt können wir mehr Kinder in den Krisenregionen behandeln, in denen Ärzte ohne Grenzen aktiv ist.

Sollten Pfizer und GSK den Preis auch für alle ärmere Länder reduzieren?

Natürlich! In Mexiko hat sich die Lage in den letzten Jahren stark verbessert, auch wenn es immer noch kein reiches Land ist. Zum Glück konnten Impfungen gegen Lungenentzündung in das reguläre Immunisierungsprogramm für Kinder aufgenommen werden. Aber es gibt Länder mit geringem oder mittlerem Einkommen, die dazu noch nicht in der Lage sind, weil die Preise für den Impfstoff zu hoch sind.

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