Zentralafrikanische Republik

Zentralafrikanische Republik: „Die schrecklichen Folgen des Krieges haben uns jeden Tag begleitet”

Seit Anfang Dezember ist die Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik eskaliert. Mehr als 1.000 PatientInnen, die bei den Schießereien und der Gewalt rund um den Flughafen der Hauptstadt Bangui verletzt worden sind, hat Ärzte ohne Grenzen seitdem medizinisch versorgt. Etwa 100.000 Menschen aus dem ganzen Land sind hierher vor der Gewalt geflüchtet. Allein in der vergangenen Woche kamen 100 PatientInnen, die von Kugeln getroffen oder mit Macheten verletzt worden waren. Lindis Hurum, Notfall-Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen im Lager von Bangui, über ihre Erfahrungen:

Wie würdest du die Lage in Bangui generell beschreiben?

Die Lage war wirklich schlecht. Ich glaube, es gab keinen Tag, an dem es keine neuen Verletzten gab. Im Dezember war der Frontverlauf noch klarer. Im Wesentlichen haben sich zwei Gruppen Gefechte geliefert: die christlich geprägte Miliz namens Anti-Balaka und die muslimischen Milizen namens Seleka. Mit der Zeit haben sich diese Gefechte geändert. Sie wurden zu Scharmützeln, in denen sich verschiedene kleinere Gruppen bekämpften und sich zum Teil am helllichten Tag grausam töteten. Uns haben die schrecklichen Folgen jeden Tag begleitet. Zu uns kamen Menschen, denen fehlten die Nasen, die Ohren, die Brustwarzen. Praktisch jeder Körperteil wurde abgetrennt. Ein Mann musste seinen Kopf festhalten, damit er nicht abknickte. Man hatte ihm mit einer Axt von beiden Seiten in den Hals gehackt. Es war schrecklich, und es reichte den Angreifern nicht, andere zu töten – es sollte wohl auch noch so grausam wie möglich sein. Sie benutzten selbstgemachte Waffen. Ich habe marodierende Banden gesehen mit einer abgeschlagenen Hand als Trophäe.

    Lindis Hurrum, Notfall-Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Bangui

     Bangui, 07.02.2014: Notfall-Koordinatorin Lindis Hurrum     Foto: William Daniels

Wie ist die Situation für die Vertriebenen im Lager?

Schlimm. Sie war schlimm, als die Menschen am Flughafen angekommen sind, und sie ist es immer noch. Sie kamen mit nichts, und sie haben immer noch nichts. Und natürlich ist der Flughafen für ein Lager dieser Größe nicht gemacht. Es ist eine absurde Situation. 100.000 Menschen leben 100 Meter von der Startbahn entfernt und suchen Schutz, wo immer sie können. Manche lagern beispielsweise unter den Tragflächen ausrangierter Flugzeuge. In der ersten Woche hatte ich das Gefühl, wir rennen einem Zug hinterher, der schneller und schneller wird. Jeden Tag schien sich die Lage zu verschlechtern. Es gab keine Latrinen, nicht genug Wasser, niemanden, der das Lagerleben organisierte, einfach nichts. Die Sicherheitslage ist desolat, das Camp wächst rasend schnell, und Ärzte ohne Grenzen ist die einzige Organisation, die zurzeit vor Ort ist – das alles macht es uns schwer, adäquat zu helfen.

Wie sieht die medizinische Hilfe von Ärzte ohne Grenzen aus?

Wir haben ein Krankenhaus mit 60 Betten und drei Anlaufstellen im Lager errichtet. Operationen überweisen wir auch an andere Krankenhäuser. Im Schnitt behandeln wir rund 1.000 PatientInnen am Tag, und täglich kommen ca. 10 Kinder zur Welt. In Bangui gibt es aber noch mehr Lager für Flüchtlinge, in denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet. Ich denke, wir müssten uns auch noch mehr um die psychischen Folgen kümmern. Die Menschen haben schreckliche Gewalt gesehen, Familienmitglieder und Freunde sind getötet worden, sie mussten flüchten. Nun sind sie traumatisiert, erfüllt von Hass und dem Wunsch, Rache zu üben.

Wie haben andere Akteure auf die Krise reagiert?

Die Reaktion der UN war in den ersten Wochen extrem langsam. Es wurde einfach zu wenig zu langsam getan. Und das obwohl das Lager am Flughafen in der Hauptstadt des Landes liegt, es ist das am einfachsten zu erreichende Vertriebenenlager. Seit Anfang Januar gab es dann Verteilungen von Nahrung und Hilfsgütern. Aber die Bedürfnisse bleiben riesengroß und mehr müsste getan werden.

Wie ist die Sicherheitslage für die Teams von Ärzte ohne Grenzen ?

Es gab Streufeuer, aber auch gezielte Schüsse im Camp, und Menschen wurden getötet - auch Kinder. Mehrfach mussten wir uns selber auf den Boden werfen, um uns vor Kugeln in Sicherheit zu bringen. Einmal verschafften sich bewaffnete Männer Zugang zu unserer Klinik, sie suchten nach einem Muslim, der sich versteckte. Wir mussten das Team aus Sicherheitsgründen immer wieder reduzieren und uns auf die lebensnotwendigen Behandlungen beschränken. Es waren sehr schwer zu treffende Entscheidungen, weil man natürlich weiß, wie viele Menschen von unserer Hilfe abhängen. Aber ich musste so entscheiden, es war zu gefährlich. Es ging die ganze Zeit so: rein und raus. Wir mussten jeden Morgen die Lage von Neuem bewerten. Dabei war es sehr hilfreich, dass die verschiedenen Interessengruppen unser Mandat als neutrale, unparteiliche Helfer verstanden. Ärzte ohne Grenzen wurde nie direkt angegriffen.

Was sind die Bedürfnisse der vertriebenen Menschen?

Die Menschen sind verängstigt und traumatisiert. Manche können vom Flughafen aus ihr Zuhause sehen, aber sie trauen sich nicht dorthin zurück zu gehen. Sie sagten ganz klar, dass sie die Wahl haben: entweder in dieser furchtbaren Situation zu leben oder getötet zu werden. Es sind wirklich bewundernswerte Menschen, die ihr Bestes geben, um in dieser hoffnungslosen Lage ein wenig Normalität und Privatsphäre aufrecht zu erhalten. Sie wünschen sich am sehnlichsten Frieden und Schutz, sodass sie heim gehen können, aber abgesehen davon brauchen sie so ziemlich alles: Zunächst muss die Grundversorgung sichergestellt werden - Wasser und Nahrung, Zelte und sanitäre Anlagen. Aktuell machen mir die sanitären Bedingungen die größten Sorgen. Wenn kein richtiges System vorhanden ist - Latrinen, Duschen, Wasserversorgung - und dann die Regenzeit im März einsetzt, wird es eine große Gefahr für Epidemien im Lager geben.

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