02.12.2022
Vor einem Jahr wurden neue Aufnahmezentren für Geflüchtete und Migrant:innen auf den griechischen Inseln errichtet. Die Lebensbedingungen für die Menschen dort sind alles andere als willkommen-heißend. Lesen Sie hier mehr.

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Sogenannte „geschlossene Zentren mit kontrolliertem Zugang“ wurden auf den griechischen Inseln Samos, Kos und Leros – mitfinanziert von der EU – errichtet. Weitere Zentren sind für das kommende Jahr auf Lesbos und Chios geplant. Dort sollen ankommende Migrant:innen und Geflohene auf die Bearbeitung ihres Asylantrags warten.

Im Zentrum Zervou auf Samos betreiben wir eine mobile Klinik. Wir kritisieren die Lebensbedingungen, denen die Bewohner:innen des Zentrums ausgesetzt sind und warnen vor deren schweren gesundheitlichen Folgen für die Menschen. Die medizinische Versorgung vor Ort ist unzureichend und die gefängnisähnlichen Lebensbedingungen führen zu einer enormen psychischen Belastung für die Menschen.

Einen Arzt aufzusuchen, Insulin für die Behandlung von Diabetes zu bekommen, eine Rechtsberatung vor einer Asylanhörung zu erhalten: All das sind Herausforderungen für Geflüchtete und Migrant:innen, die in dem isolierten und stark gesicherten Zentrum Zervou auf der griechischen Insel Samos festsitzen. 

Die meisten Bewohner:innen sind vor Konflikten oder Verfolgung in ihren Heimatländern geflohen. Viele waren auf ihrem Weg Gewalt ausgesetzt. In den Zentren werden die Menschen mit doppelten Stacheldrahtzäunen, Röntgenstrahlen und biometrischer Identifizierung empfangen.

Die Menschen im Zentrum erzählen uns, dass sie Menschenhandel, sexuelle Übergriffe, Zwangsarbeit und Schläge überlebt haben.

Nicholas Papachrysostomou, unser Landeskoordinator in Griechenland

„Einige haben miterlebt, wie Familienangehörige bei früheren Zwangsrückführungen oder bei Schiffsunglücken ums Leben kamen. In diesen gefängnisähnlichen Zentren werden ihre Grundbedürfnisse nicht gedeckt und sie erleiden Schäden an ihrer psychischen und physischen Gesundheit, die vermeidbar wären", so Papachrysostomou weiter.

Nur Menschen mit einem sogenannten Asylausweis können das Zervou-Zentrum verlassen, aber die Registrierung für einen Ausweis kann 25 Tage oder länger dauern. Alle Neuankommenden werden daher faktisch festgehalten.  

Die Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Kranke Bewohner:innen müssen mit administrativen Verzögerungen von bis zu mehreren Monaten rechnen.

Sonia Balleron, unsere Projektkoordinatorin auf Samos

Bei schon zuvor traumatisierten Menschen verschlechtert sich der psychische Gesundheitszustand aufgrund der gefängnisähnlichen Bedingungen. Die Nachfrage nach psychiatrischer Hilfe von uns war konstant hoch.

40

%

der von uns von September 2021 bis September 2022 betreuten Patient:innen auf Samos wiesen auf ein psychisches Trauma zurückzuführende Symptome auf.

Mittlerweile leiden alle Bewohner:innen unter psychischen Problemen. Wir beobachten Körperschmerzen, Dissoziation, Depressionen und Schlafstörungen.

Elise Loyens, unsere medizinische Koordinatorin in Griechenland

"Unsere Erfahrungen mit der Betreuung im Zentrum Zervou unterstreichen die Gefahren geschlossener Zentren", sagt Nicholas Papachrysostomou. „Migrant:innen und Geflüchtete brauchen Zugang zu qualitativ hochwertiger, zeitnaher medizinischer Versorgung. Die Behörden sollten in menschenwürdige Aufnahmebedingungen und sichere Unterbringung investieren und Integrationsprogramme auflegen. Die Menschen brauchen ein sicheres, unterstützendes und humanes Umfeld, um sich registrieren zu lassen und ihren Asylantrag zu stellen, ohne das Risiko einer erneuten Traumatisierung. So ist es auch von der internationalen, der nationalen und der EU-Gesetzgebung vorgesehen.“