17.05.2021
Unsere Teams beobachten alarmierende Mangelernährung im südlichen Madagaskar. In manchen Dörfern ist rund ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren betroffen.

Themengebiet:

Antananarivo/Wien. Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) warnt vor einer drohenden Hungersnot im südlichen Madagaskar. Die Teams der medizinischen Nothilfeorganisation, die in der Region im Einsatz sind, beobachten alarmierende Mangelernährung. In manchen Dörfern ist rund ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren betroffen. Eine sofortige massive Aufstockung der Nahrungsmittelhilfe ist dringend erforderlich.

„Wir sehen völlig mittellose Menschen, die buchstäblich nichts zu essen haben und ums nackte Überleben kämpfen“, sagt Julie Reversé, Einsatzleiterin von Ärzte ohne Grenzen in Madagaskar. „Manche mussten alles verkaufen, sogar ihr Kochgeschirr, und haben jetzt nicht einmal Behälter, um Wasser zu holen.“

Alarmierender Anstieg an Mangelernährung

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen dokumentieren in manchen Dörfern im Bezirk Amboasary in der Region Anôsy, dass bis zu 28 Prozent der Kinder unter fünf Jahren mangelernährt sind. Ein Drittel davon ist derart schwer betroffen, dass ihr Zustand lebensbedrohlich ist. Laut aktueller Zahlen vom Ernährungsüberwachungssystem Madagaskars, UN-Agenturen und anderen Organisationen sind 74.000 Kinder im Süden des Landes akut von Mangelernährung betroffen, 12.000 davon schwer. Das ist eine Zunahme um 80 Prozent gegenüber dem letzten Quartal 2020. Fast 14.000 Menschen in Amboasary, dem am schwersten betroffenen Bezirk, leiden an Hunger. 

„Besonders alarmierend ist, dass unter den 2.200 Menschen, die Ärzte ohne Grenzen seit Ende März wegen schwerer Mangelernährung behandelt hat, nicht nur Kinder unter fünf Jahren waren, sondern auch Jugendliche und Erwachsene“, berichtet Reversé.

Verschiedene Faktoren führten in die Krise

Es ist eine Kombination verschiedener Faktoren, die zu dieser katastrophalen Krise im südlichen Madagaskar geführt hat: Zum einen hat die schwerste Dürre seit 30 Jahren einen massiven Einfluss auf die Landwirtschaft. Zum anderen haben durch Abholzung verursachte Sandstürme einen Großteil des Ackerlandes mit Sand bedeckt und sogar Nahrungsquellen wie Kaktusfrüchte zerstört, die sonst als allerletzter Ausweg gegessen wurden. Außerdem haben auch die Auswirkungen von COVID-19 einen Effekt auf die Wirtschaftslage der Insel. Zusätzlich zur Nahrungsmittelknappheit wird ein Anstieg von Überfällen und Diebstählen von Vieh, Eigentum und Lebensmitteln gemeldet. 

Aufgrund fehlender Mittel hat das Welternährungsprogramm der UN (WFP) die Tagesrationen halbiert, manche betroffene Dörfer erreicht gar keine Hilfe. Das ist besorgniserregend, da der Zugang zu Nahrung in den kommenden Monaten noch schwieriger werden könnte, nachdem im Juni kaum eine Ernte erwartet wird. Die schlechten Straßenverhältnisse erschweren Hilfslieferungen weiter. So dauert die Fahrt von der Hauptstadt Antananarivo in die größte Stadt des Bezirks Amboasary rund drei Tage, von dort weitere Stunden, um auch entlegenere Orte zu erreichen. Außerdem hat die Regierung Mitte März Reisebeschränkungen aufgrund der Corona-Pandemien auferlegt.

Menschen im südlichen Madagaskar brauchen dringend Hilfe

„Hunderttausende Menschen im südlichen Madagaskar sind auf Ernährungshilfe angewiesen“, betont Bérengère Guais, Leiterin der Noteinsätze von Ärzte ohne Grenzen. „Ein erheblicher Aufwand – nicht nur finanzieller, sondern auch logistischer und personeller Natur – ist gefragt, um eine regelmäßige Lieferung von Lebensmittelrationen in ausreichenden Mengen über einen Zeitraum von mehreren Monaten sicherzustellen. Reisen müssen für humanitäre Mitarbeiter:innen erleichtert werden, indem regelmäßige Flüge nach Madagaskar und Fortbewegungsmöglichkeiten innerhalb des Landes gewährleistet werden. Die Menschen, die in teilweise sehr abgelegenen Regionen mit geringer Infrastruktur leben, müssen dringend erreicht werden. Die Uhr tickt.“


Seit Ende März 2021 behandeln unsere Teams im Distrikt Amboasary Patient:innen wegen akuter Mangelernährung und leisten mit mobilen Kliniken medizinische Grundversorgung. Wir verteilen außerdem Kanister, reparieren handbetriebene Pumpen und bereiten Flusswasser auf, um den Zugang der Menschen zu Trinkwasser zu verbessern. Die Teams bereiten Nahrungsmittelverteilungen vor und bauen die Kapazitäten für eine stationäre Behandlung von Patient:innen mit schwerer Mangelernährung und den damit einhergehenden medizinischen Komplikationen aus.

Strike on Nabatiyeh
MSF

Libanon: Vertreibungen verschlechtern humanitäre Lage

29.05.2026
Die Bevölkerung im Südlibanon leidet unter den weitreichenden Vertreibungen und andauernden Angriffen durch die israelische Armee. Viele Menschen sind von der medizinischen Versorgung abgeschnitten.
Mehr lesen
Ärzte ohne Grenzen ist vor Ort und bereit einen Großeinsatz für den Ebola-Ausbruch im Kongo 2026 vor
Daniel Buuma

Ebola-Ausbruch im Kongo: Ärzte ohne Grenzen hilft vor Ort

20.05.2026
Der aktuelle Ebola-Ausbruch in der DR Kongo im Mai 2026 sorgt international für Sorge. Unsere Teams sind vor Ort, behandeln Verdachtsfälle und richten spezielle Ebola-Behandlungszentren ein.
Mehr lesen
MSF mobile clinic in the Closed Control Access Centre in Zervou, Samos.
Evgenia Chorou/MSF

EU-Asylpakt: Österreich wird Unschuldige inhaftieren

18.05.2026
Kommenden Mittwoch sollen im österreichischen Nationalrat nicht nur die neuen EU-Asylregeln in nationales Recht umgesetzt werden, sondern auch zusätzliche Verschärfungen, etwa im Bereich der Familienzusammenführung. Ärzte ohne Grenzen fordert vehement eine Abkehr von dieser menschenverachtenden Politik sowie ungehinderten Zugang humanitärer Organisationen zu Unterkünften für Geflüchtete, sowohl in Österreich als auch in den geplanten sogenannten Rückführungszentren außerhalb der EU.
Mehr lesen
WANGATA EBOLA TREATMENT CENTRE
MSF

Ebola-Ausbruch: Ärzte ohne Grenzen bereitet Großeinsatz in der DR Kongo vor

17.05.2026
Das Gesundheitsministerium der Demokratischen Republik Kongo hat am 15. Mai offiziell einen Ebola-Ausbruch erklärt. Ärzte ohne Grenzen bereitet nun eine rasche Ausweitung der medizinischen Hilfe in der Provinz Ituri im Nordosten des Landes vor.
Mehr lesen