2021 war Julia Falkner in Griechenland, um Menschen in Geflüchtetenlagern medizinisch zu versorgen. Hier erzählt sich von ihren Eindrücken.
15.11.2021

Julia Falkner war seit 2018 bereits drei Mal für uns auf Einsatz: als Hebamme, Leiterin einer Geburtenstation und in der Geburten-Nachsorge. Zuletzt hat sie ihre Arbeit nach Griechenland geführt, wo sie die unmenschlichen Zustände in den Geflüchtetenlagern selbst miterlebt hat. Es ist ihr ein besonderes Bedürfnis, über die dortigen Situation zu sprechen, darüber aufzuklären und die Menschen darauf aufmerksam zu machen, was direkt an den europäischen Grenzen mit schutzsuchenden Menschen passiert.

Der Einsatz in Griechenland war für mich etwas ganz Spezielles. Schließlich ist das kein weit entferntes Land, in dem es nur schlechte medizinische Infrastruktur gibt. Nein. Griechenland gehört zu Europa. Man fährt dorthin auf Urlaub. Es ist nicht sehr weit von Österreich entfernt. Und doch ist es so weit weg, dass man die Probleme der europäischen Geflüchtetenpolitik dorthin abschieben kann. Aus den Augen, aus dem Sinn. Für mich war klar, dass ich mit der Art, wie mit Geflüchteten umgegangen wird, nicht einverstanden bin, dass das für mich nicht vertretbar ist. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, direkt nach Lesbos in den Einsatz zu gehen, um vielleicht einen Betrag dazu leisten zu können, dass sich die Situation für die Menschen dort ein klein wenig verbessert.

Hauptsache nicht bei uns…

Die Bedingungen in den Camps sind wirklich nicht menschenwürdig. Man muss sich vorstellen, dass diese Menschen, die teilweise in ihrem Heimatland gute Berufe hatten, hier jeder Identität beraubt, nur auf eine Nummer reduziert und zu

ständigen Bittstellern werden. Jegliche Selbstbestimmung wird ihnen so gut es geht genommen. Nach den traumatisierenden Ereignissen, die sie zur Flucht aus ihrer Heimat gebracht haben, und den Traumata, die auf der Flucht noch hinzugekommen sind, landen sie hier und werden in ein Lager irgendwo im Nirgendwo gesteckt.

Julia Kaufmann

Ich bin mir vorgekommen wie in einem Zoo.

Nach diesen Erstauffanglagern, in denen die Menschen nur einige Wochen verbringen, ist die Hoffnung groß, dass es in den neuen Camps besser ist. Doch diese Hoffnung ist vergebens. Viel besser ist es nicht. Mavrovouni, das Lager in dem ich gearbeitet habe, steht auf einer Landzunge direkt am Meer. Den Witterungen völlig ausgesetzt. Wenn der Wind zu stark ist, kommen die Wellen auch bis zu den Zelten hinauf, die zu keiner Seite ausreichend isoliert sind um Nässe oder Kälte abzuhalten. Man schläft dann also mit der ganzen Familie in einem Zelt, das so klein ist, dass kaum ausreichend Platz für irgendwelche Aktivitäten hat. Mittlerweile gibt es zusätzlich auch einige Container als Unterkünfte, die dem Wetter etwas besser standhalten können. Bis zum Jänner 2021 gab es in dem Camp nicht einmal Warmwasser. Es hat nur Kaltwasserduschen gegeben, und wenn man bedenkt, dass es dort schneien und wirklich kalt werden kann, ist das einfach unvorstellbar. Gleichzeitig dürfen die Menschen nur zu fix zugewiesenen Zeiten, maximal drei Stunden in der Woche, das Lager verlassen. Alles ist eingezäunt, überall stehen Polizist:innen und bewachen das Gelände.

Gemachte Umstände

Kriminalität und Übergriffe sind in den Camps Alltag. Viele Frauen hören beispielsweise nachmittags schon auf zu trinken, und das auch im Sommer, um nachts nicht zu den wenig beleuchteten Toilettenanlagen gehen zu müssen – zu gefährlich ist der Weg dorthin. Oft leiden die Menschen an Verdauungsbeschwerden, weil das ausgegebene Essen nicht mehr gut, oder das Fleisch teils noch roh ist. Viele Menschen sind zu uns gekommen und haben uns gebeten ihnen irgendeine Aufgabe zu geben, haben gefragt, wie sie uns irgendwie unterstützen können. Sie wollten einen Grund haben, morgens wieder aufzustehen. Und mich hat das einfach wahnsinnig frustriert, dass diese Menschen in einer so zermürbenden, frustrierenden und auch beängstigenden Situation leben müssen. Man hat doch schon gesehen, dass es andere Camps gab, die gut funktioniert haben, in denen es den Menschen gut ging, wo es Beschäftigung und eine menschenwürdige Unterbringung gab. Kleinere Lager wie „Pikpa“, das von der Gruppe Lesvos Solidarity gegründet wurde. Aber diese Camps wurden wieder geschlossen. Es gibt nur noch die Lager der Europäischen Union und man hat ständig das Gefühl, dass in diesen Lagern extra versucht wird, den Geflüchteten das Leben nochmal schwerer zu machen. Es ginge nämlich auch anders.

Die Hoffnung nicht verlieren

So sehr es mich belastet hat, das alles zu sehen und mitzuerleben, so froh war ich, meine Kolleg:innen an meiner Seite zu haben, mit denen ich das Erlebte teilen konnte. Mit denen ich gemeinsam verarbeiten konnte, was wir den Tag über gesehen und gehört haben. Und auch die Menschen, die in diesen Lagern leben müssen, holen sich ihre Kraft aus den kleinen Dingen. Zwar gibt es kein Betreuungs- oder Bildungsprogramm für Kinder, aber die Menschen in den Camps organisieren sich sehr stark selbst. So geben zum Beispiel viele, die in ihrem Herkunftsland Lehrer:innen waren, auch hier den Kindern Unterricht. So kehrt wieder ein bisschen Normalität in den Alltag der Kinder ein. Ich durfte wirklich viel Lachen und Glück miterleben. Trotz allem bleiben die Menschen lebensfroh und positiv.

Zuhause Sprachrohr sein

Mir ist es sehr wichtig, hier darüber zu sprechen was ich bei meiner Arbeit gesehen habe. Viel zu viele Menschen schauen weg und verschließen die Augen davor, was auf der Welt passiert. Deshalb ist es mir so wichtig aufzuzeigen, was die Menschen, die ich bei meiner Arbeit kennengelernt habe durchmachen. Ich habe immer noch die Hoffnung, wenn man weiß, was da passiert - und wenn man es aus erster Hand erfährt - dass man dann nicht mehr wegschauen kann. Dass der Drang, einem Menschen zu helfen, dann einfach so groß wird, dass man ihm folgen muss. Dass man aufsteht und sagt – Stopp! So möchte ich das nicht! Und deshalb hoffe ich, dass ich damit, dass ich darüber spreche, es publik mache, auch etwas verändern kann!

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