Kommentar von
Sigrid Lamberg
06.05.2026
Unsere Einsatzleiterin Sigi Lamberg war die letzten Jahre im Südsudan. Sie erzählt, wie die humanitäre Situation eskaliert ist – und wie wir helfen.

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16 Jahre gehe ich bereits mit Ärzte ohne Grenzen auf Einsatz. Dabei war ich schon mehrmals im Südsudan. Seit Jänner 2022 sind es vier Jahre am Stück. 

Sigrid Lamberg im Südsudan

Gewalt, Bomben und Isolation

Im Südsudan eskaliert die Gewalt. Gebiete, die außerhalb staatlicher Kontrolle liegen, werden gezielt bombardiert und abgeschnitten. Ich habe erlebt, wie sich die Lage in den letzten eineinhalb Jahren massiv verschlechtert hat.

Es werden Krankenhäuser angegriffen, darunter acht unserer Gesundheitseinrichtungen allein 2025. Die allgegenwärtige Präsenz von Waffen und die Traumatisierung nach jahrzehntelangem Konflikt und Krieg, erklärt auch, warum Gewalt oft sehr schnell eskaliert

Blockaden und Risikoabwägung

Dieser unsichere Kontext beeinflusst auch unsere Arbeit. In den letzten Jahren konnten wir eines unserer Projekte fast zwei Monate nicht erreichen, da die Sicherheitslage zu angespannt war. Das bedeutet einerseits, dass Hilfsgüter nicht ständig verfügbar sind, und andererseits ist die Arbeitsbelastung unseres Teams hoch.

IDPs emergency response in Chuil, Upper Nile and Jonglei State
Isaac Buay/MSF
In manche Gebiete im Südsudan kommen wir nur mit dem Flugzeug.

Die instabile Sicherheitslage bedeutet für uns Einschränkungen: Wir haben klare Regeln, begrenzte Bewegungsfreiheit und wägen Risiken ständig ab. Man muss sich bei so einem Einsatz bewusst sein, dass man ein Stück seiner Freiheit aufgibt. 

Sicherheit

Wir haben ein striktes Sicherheitskonzept, um unsere Mitarbeiter:innen und Patient:innen zu schützen. Aber wenn unsere lokalen Mitarbeitenden das Krankenhaus verlassen, sind sie wieder Teil der Gemeinschaft.

Was besonders kritisch ist, sind Fahrtwege. Bevor wir mit dem Auto losfahren, klären wir die Sicherheitslage. 

Wir sprechen mit allen Konfliktparteien, der Armee und Milizgruppen. Unsere Verankerung in der Gemeinschaft ist ebenfalls entscheidend. Oft werden wir gewarnt, wenn sich die Lage zuspitzt. Aber eine Garantie gibt es nie.

Aweil Project, South Sudan
Frederic Seguin/MSF
Unsere Teams sind mit Geländewagen unterwegs.

Mit allen sprechen

Als Einsatzleiterin koordiniere ich auf übergeordneter Ebene, und trage die Verantwortung für unsere Teams, das Budget und die Sicherheit.

Ich bin in ständigem Austausch mit Behörden, Militär, Konfliktparteien und anderen lokalen Akteur:innen. Denn nur wenn wir von allen akzeptiert werden, können wir gut arbeiten. Wir sind bereits seit 40 Jahren im Südsudan. Das hilft sehr, da wir einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Und es ist wichtig, um für die Bevölkerung da zu sein.

Wenn Hilfe wegbricht

Es kommt zu massiven Kürzungen internationaler Hilfsgelder. Viele Gesundheitseinrichtungen im Südsudan haben keine Medikamente, Personal wird seit Jahren nicht bezahlt. 

Krankheiten wie Masern oder Cholera breiten sich aus – auch weil Impfprogramme und Grundversorgung fehlen. 

Gleichzeitig verschärft der Krieg im benachbarten Sudan die Lage: Mehr als eine Million Menschen sind in den Südsudan geflohen. Wir erleben einen enormen Anstieg an Patient:innen mit infizierten Wunden, Schussverletzungen oder unbehandeltem Diabetes. 

Gesundheitssystem kollabiert

In vielen Regionen sind unsere Kliniken die einzigen funktionierenden Anlaufstellen. Menschen müssen oft zwei, drei Tage zu Fuß gehen, um medizinische Hilfe zu erreichen. Familien bauen selbst Tragen, um Kranke in unsere Klinik zu transportieren. 

Diese Entschlossenheit zeigt, wie groß der Bedarf ist und wie viel Vertrauen die Menschen uns entgegenbringen.

Natürlich gibt es auch die andere Seite: Menschen, die zu spät kommen, um rechtzeitig versorgt zu werden. Krankheiten, die in Europa behandelbar wären, aber hier tödlich enden, weil Diagnostik und Medikamente fehlen. Das ist schwer auszuhalten.

Blick nach vorne

Gerade in einem Land wie dem Südsudan sehe ich, wie wichtig unsere Hilfe ist. Auch wenn wir nicht alles ändern können - für die Menschen, die wir erreichen, machen wir einen entscheidenden Unterschied. 

Nach vier Jahren im Südsudan ist es Zeit für meinen nächsten und 19. Einsatz. Dieser führt mich nun nach Äthiopien: um mit meinem Team ein neues Hilfsprojekt aufzubauen. Eine Herausforderung, der ich gespannt entgegenblicke. 
 

Mut haben wir. Dich brauchen wir.

Wir sind immer auf der Suche nach qualifiziertem Personal – für medizinische Projekte weltweit, aber auch für Positionen in Logistik, Finanzen und Koordination.

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