17.11.2025
Unsere Sozialarbeiterin Anastasia Nedieva musste nach Bombenangriffen in der Ukraine fliehen. Sie erzählt, wie sie ihre Traumata überwunden hat – und wie ihre Geschichte anderen hilft.

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Unsere Sozialarbeiterin Anastasia Nedieva arbeitet seit 2015 in der Region Donezk in der östlichen Ukraine. 

2022 musste sie nach Bombenangriffen aus ihrer Heimat fliehen. Heute leitet Anastasia unsere Teams in der Stadt Vinnytsia, die Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) helfen. 
Anastasia Nedieva

Bomben in Mariupol

Am 24. Februar 2022 beginnen die Bombardierungen von Mariupol. Wir können die Stadt nicht verlassen, ohne unser Leben zu riskieren. 20 Tage leben mein Mann, meine Tochter und ich im Keller des Ärzte ohne Grenzen-Wohnheims. Gemeinsam mit unseren Kolleg:innen und ihren Familien.

Dann am 15. März gelingt uns endlich die Evakuierung. Wir wissen nicht, was gerade passiert und wo wir unterkommen sollen. Schließlich erreichen wir die Stadt Vinnytsia, aber ob wir dortbleiben können oder erneut fliehen müssen, wissen wir anfangs nicht.

Sirenen im Kopf

Ich habe Angst, die Unterkunft zu verlassen und auf die Straße zu gehen. Sobald ich das mache, höre ich sie: die Sirenen. Aber es sind keine echten Geräusche, sondern sie sind in meinem Kopf. Phantom-Sirenen sind Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). 

Unsere Psycholog:innen von Ärzte ohne Grenzen bieten mir Hilfe an. Die psychologische Beratung und der Halt in meiner Arbeit helfen mir, mich wieder zu erholen.

Hilfe in Vinnytsia

Zur gleichen Zeit beginnen unsere Teams in Vinnytsia die Hilfe für Geflüchtete aufzubauen. Ich arbeite mit. Wir starten mit den mobilen Kliniken: Wir besuchen regelmäßig Unterkünfte an 30 Orten in der Region. Zu diesem Zeitpunkt des Krieges kommen dort etwa 168.000 Vertriebene unter. 

Dann eröffnet Ärzte ohne Grenzen ein Zentrum in Vinnytsia, das traumatisierten Menschen psychologisch und medizinisch hilft.

Mental health activities in Vinnytsia for people experiencing war-related PTSD
Fanny Hostettler/MSF
Unser Trauma-Zentrum in Vinnytsia

Alles vergessen wollen

Meine Aufgabe ist es, Menschen mit PTBS-Symptomen zu identifizieren. Ich ermutige sie, sich mit Psycholog:innen in unserem Zentrum zu treffen. Das ist nicht leicht, denn wer PTBS hat, möchte sich nicht an die traumatischen Ereignisse erinnern oder darüber sprechen.

Es ist ein Teufelskreis: Eine Person weigert sich, sich mit den Ursachen ihres Traumas auseinanderzusetzen, und sucht keine psychologische Hilfe auf. Aber ohne Therapie durchlebt sie das Trauma in ihrem Kopf immer wieder.

Verluste und Vertrauen

Vertrauen aufzubauen, ist ein schrittweiser Prozess. Anfangs sind die Menschen skeptisch. Sie fragen, ob wir ihnen ihre Familie und ihr Zuhause zurückbringen können. Das können wir nicht. Aber wir sagen ihnen, dass Psycholog:innen dabei helfen, mit den Verlusten umzugehen und ihr Leben weiterzuleben. Manchmal erzähle ich meine eigene Geschichte.

Mental health activities in Vinnytsia for people experiencing war-related PTSD
Florence Dozol/MSF
In unserem Zentrum in Vinnytsia - eine beruhigende Atemübung.

„Ja, das sind wir“

Wir arbeiten mit dem Zentrum I’Mariupol zusammen – einer Organisation, die Vertriebenen aus Mariupol hilft. Die meisten haben monatelang Belagerungen und Bombardierungen erlebt. 

Als wir die Betroffenen besuchen und über PTBS-Symptome sprechen, antworten viele: „Ja, das sind wir“, und einige fangen sogar an zu weinen. Da wird uns klar, wie viele Menschen psychologische Hilfe benötigen. 

Betroffene erreichen

Wir erreichen Betroffene auch über kreative Workshops – Zeichnen, Tonmodellieren, Basteln. Etwa 30 bis 40 Personen tauchen in eine kreative Umgebung ein, unterhalten sich miteinander und erinnern sich an einige ihrer Erlebnisse. 

Wenn sich eine Person öffnet, empfindet eine zweite Person möglicherweise Mitgefühl für ihren Schmerz. Eine dritte Person reagiert vielleicht wie betäubt. 

Auf diese Weise finden wir Menschen mit PTBS-Symptomen. Nach den Workshops sprechen wir sie einzeln und vertraulich an, um ihnen unsere Hilfe anzubieten. 

Mental health activities in Vinnytsia for people experiencing war-related PTSD
Fanny Hostettler/MSF
In den Kreativ-Workshops können sich die Teilnehmenden austauschen.
Mental health activities in Vinnytsia for people experiencing war-related PTSD
Fanny Hostettler/MSF
Unsere Gesundheitsberaterin unterstützt einen Buben.
Mental health activities in Vinnytsia for people experiencing war-related PTSD
Fanny Hostettler/MSF
Auch traditionelles Handwerk wird hergestellt.
Mental health activities in Vinnytsia for people experiencing war-related PTSD
Fanny Hostettler/MSF
Ein ruhiger und sicherer Ort um sich kreativ auszudrücken.

Wie ein Trauma wirkt

Nicht jede:r ist sich der PTBS-Symptome bewusst. Viele leben sehr lange damit. Aber mit der Zeit kann die posttraumatische Belastungsstörung das tägliche Leben stark beeinträchtigen: sie beeinflusst den Umgang mit anderen oder den körperlichen Zustand. Im schlimmsten Fall führt sie zu schweren Depressionen und Suizid.

Deshalb sind wir hier. Wir erklären die Symptome. Wir beschreiben, wie Traumata auf das Gehirn wirken. Und reden darüber, welche Therapien es gibt, warum und wie sie wirken.

Zittern am ganzen Körper

Wenn jemand fragt, wie Psychotherapie helfen kann, erzählen wir Geschichten von Menschen, die sich erholt haben. Zum Beispiel haben wir eine Frau getroffen, die unter starkem Zittern litt. Sie hat in der Region Kherson unter Beschuss gelebt - neun Monate lang. 

Zunächst hat sie die therapeutische Hilfe abgelehnt. Aber eines Tages hat sie unser Plakat gesehen, auf dem ein Mädchen über die Symptome von PTBS sprach. 

Sie ist in Tränen ausgebrochen und hat gesagt: „Dieses Mädchen bin ich.“ Wir haben einen Termin für sie bei einem:r unserer Psycholog:innen ausgemacht. Das hat ihr sehr geholfen und auch ihr Zittern wurde besser.

Das Leben weiterleben

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass PTBS eine Wunde ist, die Narben hinterlässt. Es tut immer noch weh, darüber zu sprechen. 

Alle in unserem Team verstehen diesen Schmerz. Sie wissen, wie viel Kraft es kostet, über die Gefühle zu sprechen. 

Aber wir wissen auch: Es wird leichter, wenn wir uns öffnen. Ich arbeite hier seit das Zentrum aufgemacht hat. In dieser Zeit konnten wir mehr als 2.000 Menschen helfen. 

Wenn man aus dem Zentrum rauskommt, bemerkt man plötzlich wieder: Die Sonne scheint, die grünen Blätter sind schön. Und man beginnt, sein Leben weiterzuleben.

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