Antonia Zemp18.08.2016

Wenn Verzweiflung ein Bild wäre…

1 Kommentar

… ist es das eines mit Menschen überfüllten Gummibootes am Horizont des Mittelmeeres in früher Morgenstunde.

Wenn Angst ein Gesicht wäre...

... wäre es das des 22-jährigen Mussa aus Senegal, der in Libyen auf brutalste Weise gefoltert wurde und nun bei uns auf dem Schiff “Dignity 1” verarztet wird, weil er multiple Rippenfrakturen hat und an einer schweren Lungenentzündung leidet.

Sein angstvoller Blick, als ich ihn wecken muss, weil er schlafend – beziehungsweise halb bewusstlos – am Boden liegend den Weg in unser kleines Schiffsspital versperrt, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Er weiß nicht sofort, wo er ist, und dass er nun in Sicherheit ist.

Die Angst ist nicht nur Mussa ins Gesicht geschrieben. Jeder einzelne von uns aufgenommene Mensch trägt seine eigene Geschichte mit sich, die ihn auf die lebensgefährliche Flucht übers Mittelmeer treibt. Wenn wir teils mehr als 450 gerettete Menschen bei uns mit an Bord haben, erhöht sich nicht nur die Kilolast des Schiffs; wir nehmen auch eine undefinierbare und unglaublich schwere emotionale Last mit auf.

Ich bin nun bereits seit einem Monat auf Einsatz im Mittelmeer auf dem Rettungsschiff “Dignity 1” von Ärzte ohne Grenzen. Noch immer nehmen tausende Menschen, Frauen, Kinder, Männer und ganze Familien den lebensgefährlichen Weg übers Mittelmeer auf sich, um nach Europa zu gelangen, weil noch immer keine sichere Alternative zur Verfügung steht. Noch immer gibt es so viele Menschen, deren Lebensumstände so schlimm sind, dass sie lieber ihr Leben riskieren, als da zu bleiben, wo sie sind. “Ich ertrinke lieber, als das ich zurück nach Libyen gehe”, wird uns oft erzählt.

Mein bereits achter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen auf einem Schiff ist ein sehr außergewöhnlicher. Noch nie zuvor hat die Organisation auf einem Schiff gearbeitet. Das Schiffsleben hat seine eigenen Regeln. Insgesamt sind wir ein Team von 20 Personen. Bei einer Länge von 50 Metern gibt es mit 20 Personen die eine oder andere kleine Möglichkeit, sich einmal kurz für ein paar Minuten zurückzuziehen. Wenn dann aber zusätzlich 450 Menschen an Bord sind, weißt du manchmal nicht mehr, wohin du den nächsten Schritt machen kannst, ohne über jemanden zu stolpern. Die Schiffscrew von Ärzte ohne Grenzen spricht mehrheitlich Spanisch, und obwohl ich mittlerweile fließend Spanisch spreche, galt es erst einmal, noch das Schiffsvokabular auf Spanisch zu lernen.

An einem Tag wie heute, wenn kein in Not geratenes Gummiboot auf dem Radar ist, weil im Moment der Wellengang zu hoch ist, wird das Schiff von den Matrosen unterhalten. Das medizinische Team bereitet das Spital vor, um für einen nächsten Einsatz, von dem wir nie genau wissen, wann er sein wird, bereit zu sein. Und wir nehmen uns die Zeit, um einmal kurz durchzuatmen und Erlebtes zu verarbeiten. Ich sitze grad an Deck an der frischen Luft, um Seekrankheit vorzubeugen (auf hoher See am Computer zu arbeiten, hat es ganz schön in sich!) und schreibe diesen Blog, der mir auch nach mehrmaligen Durchlesen noch immer Gänsehaut bereitet.

Diese „ruhigere“ Zeit kann sich jeden Moment ändern. Wenn ein lauter, schriller Alarm durch das ganze Schiff ertönt, wissen wir, dass wir uns so schnell wie möglich für eine Rettung bereit machen müssen. Also Rettungsweste, Gummistiefel und Helm anziehen, Funkgerät umhängen, einige Türen verschließen und andere öffnen, Lüftungen einschalten und bereit sein für die Menschen, die an Bord kommen. Manchmal finden wir Gummiboote “per Zufall”, oft wird uns aber auch vom italienischen MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre) mitgeteilt, wo sich ein Gummiboot befindet, das unsere Hilfe braucht.

Als erstes müssen wir uns dann dem Boot annähern, was wir mit unseren eigenen kleineren Rettungsgummibooten tun. Dies ist manchmal gar nicht so einfach, da sie sich oft von uns weg bewegen, weil die Menschen nicht wissen, wer wir sind und Angst vor uns haben. Oder aber, sie wissen schlicht und einfach nicht, wie sie das Boot manövrieren können oder den Motor ausschalten. Sobald wir den ersten Kontakt aufnehmen können, erklären wir, wer wir sind und dass wir alle mit zu uns auf die “Dignity 1” nehmen werden, um sie sicher nach Italien zu bringen. Es werden Rettungswesten verteilt und der Transfer beginnt.

Bei uns an Bord heißen wir die Menschen Willkommen, sie werden registriert und erhalten Wasser und Essen. Eine ganz kurze Triage hilft uns, zu wissen, in welchem gesundheitlichen Zustand sie sich befinden. Das erste, was viele von ihnen machen, ist beten – die Erleichterung ist ihnen ins Gesicht geschrieben.

Viele haben extremen Hunger und Durst und nach einigen Schlucken Wasser und einigen Bissen legen sie sich einfach nur hin und Schlafen vor Erschöpfung sofort ein.

Viele Frauen weinen, wenn sie ankommen, wenn die enorme Anspannung und Angst plötzlich wegfällt. Oft fallen sie mir direkt in die Arme und das einzige, was ich sage, ist: “Du bist in Sicherheit”. Die universelle Sprache des Lächelns wird dann auch bei mir oft mit Tränen vermischt. Das sind Emotionen, welche sich kaum beschreiben lassen. Ich bin sehr froh über diese Gefühle; so weiß ich, dass ich auch nach bereits langer Erfahrung mit Ärzte ohne Grenzen und der Konfrontation mit extrem viel Leid nicht abgestumpft oder gleichgültig bin.

Wenn alle Menschen an Bord sind, sich die Hektik etwas gelegt hat und kein medizinischer Notfall vorliegt, nehmen wir einen allgemeinen medizinischen „Check Up“ vor. Wir messen die Temperatur von allen und kontrollieren sie auf Krätze. Wer medizinische Probleme aufweist, wird danach in unserem Spital betreut.

Die Menschen bleiben unterschiedlich lange bei uns an Bord. Wenn wir nach Italien fahren, sind das oft zwei Nächte und wir haben Zeit, wirklich mit ihnen in Kontakt zu kommen. Das ist sehr schön und ich schätze diese Zeit sehr. Es ist aber auch sehr wichtig, dann seine eigene persönliche Balance zu finden, die oft sehr belastenden Lebensgeschichten zu hören und gleichzeitig sich davor zu schützen, damit die Last dich nicht lähmt. Viele erzählen uns von ihrem Aufenthalt in Libyen vor ihrer Abreise. Dort sind Folterungen, Zwangsarbeit, sexuelle Gewalt und Menschenhandel alltäglich. Die Geschichten sind wie Hammerschläge, Libyen scheint die Hölle zu sein… das zeigt auch unsere Foto-Geschichte „Trapped in Transit“ (auf Englisch).

Manchmal wird auch ein Transfer auf ein anderes Rettungsschiff gemacht, welches bereits auf dem Weg nach Italien ist und wir so in der Rettungszone bleiben können für allfällige weitere Rettungen. Dann wird oft bis spät in die Nacht gearbeitet, um alles für den nächsten Tag bereit zu haben, um neue Gäste bei uns an Bord aufzunehmen.

Die Tage vergehen wie im Fluge, weil immer irgendetwas los ist und weil ich meine Arbeit liebe. Ich sehe es als großes Privileg, auf der “Diginity 1” unsere Mitmenschen mit Würde empfangen zu dürfen und ich bin dankbar dafür, dass ich dies machen darf.

Wenn Hoffnung eine Melodie wäre…

… dann sind es die Klatschrhythmen und der Gesang unserer Gäste an Bord, die übers Meer hallen, wenn sie wieder bei Kräften sind und realisieren, dass sie in Sicherheit sind.

Und wenn es einen sicheren und legalen Weg nach Europa gäbe, müssten nicht so viele Menschen tagtäglich ihr Leben riskieren.

#SafePassage

Der Aufruf #SafePassage - sichere Fluchtrouten jetzt! wurde von Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2015 gestartet. Lesen Sie hier unseren offenen Brief, der an die EU-Staats- und Regierungschefs gemeinsam mit Rettungswesten versandt wurde: "EU-Außengrenzen töten. Schaffen Sie sichere und legale Fluchtmöglichkeiten!"

Kommentare

Laura
Tolle Arbeit! Es ist toll euer Helfen zu lesen. Wenn dieses Leid nur Erspart werden könnte. Auch hier bei der Arbeit in einem Flüchtlingsheim in der Schweiz zerreissen die Geschichten der "Angekommenen" Herzen. Das Leid lebt weiter, wenn nur mehr möglich wäre, mehr Hilfe, mehr Verarbeitung, mehr Liebe. Wenn Hoffnung eine Melodie wäre - sehr schön geschrieben. Die Hoffnung bleibt, dass sie irgendwann - mit der Zeit - wirklich ankommen und nach dem Überleben wieder LEBEN.

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