Chance im Kampf gegen multiresistente Tuberkulose

Wien/Genf, 19. März 2013. Im Vorfeld des Welt-TB-Tages am 24. März forderte die medizinische Hilfsorganisation Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) heute, dass die Maßnahmen im Kampf gegen multiresistente Tuberkulose (MDR-TB) dringend verstärkt werden müssen. Hindernisse bei der Erforschung besserer Medikamente müssen abgebaut, und die Behandlungsmöglichkeiten ausgeweitet werden. Ansonsten werden die MDR-TB-Raten weltweit weiterhin zunehmen, und eine historische Gelegenheit zur Verbesserung der schlechten Heilungsraten wird verpasst. Mithilfe von zwei neuen Medikamenten soll die Behandlung deutlich verkürzt, effizienter und weniger toxisch gemacht werden. Diese Forderung erheben auch MDR-TB-Patienten und medizinisches Personal von Ärzte ohne Grenzen aus der ganzen Welt in einem heute publizierten öffentlichen Manifest.

„Wir warten seit einem halben Jahrhundert auf neue, effiziente Tuberkulose-Medikamente. Müssen wir denn noch einmal 50 Jahre warten, bis die historische Gelegenheit ergriffen wird und die verbesserte Behandlung der multiresistenten Tuberkulose eingeführt wird?“ erklärt Dr. Erkin Chinasylova, Arzt von Ärzte ohne Grenzen in einem TB-Programm in Swasiland. „Es ist mehr als dringend, dass wir endlich bessere Medikamente bekommen. Bisher sehen wir jedoch nicht, dass dieser Angelegenheit jene Priorität eingeräumt wird, die für die Umsetzung unserer Forderung nötig ist.“In den Projekten von Ärzte ohne Grenzen werden weltweit so viele Menschen mit MDR-TB  betreut wie nie zuvor. Die Medikamentenresistenz wird dabei nicht nur bei Patienten festgestellt, die früher schon erfolglos gegen TB behandelt wurden, sondern auch bei neu diagnostizierten Personen. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass MDR-TB in den Regionen, in denen wir arbeiten, eigenständig übertragen wird.

Bisherige Behandlung voller Nebenwirkungen

Ohne Behandlung verläuft diese Infektionskrankheit tödlich. Doch auch die Behandlung selbst bedeutet für die Patienten zwei Jahre voller quälender Nebenwirkungen, wie etwa Psychosen, Taubheit und ständige Übelkeit. Darüber hinaus müssen sie bis zu acht Monate lang täglich schmerzhafte Injektionen über sich ergehen lassen. Nicht einmal die Hälfte der Patienten wird geheilt.Nach fast fünf Jahrzehnten unzureichender TB-Forschung und - Entwicklung gibt es seit kurzem zwei neue Medikamente – Bedaquilin und Delamanid, die zugelassen wurden beziehungsweise kurz vor der Zulassung stehen. Es muss jedoch dringend geforscht werden, wie diese Medikamente am besten verwendet werden. Denn die Behandlung soll kürzer und effizienter werden und der wachsenden Zahl von MDR-TB-Patienten so rasch wie möglich zur Verfügung stehen. Diese und andere Forderungen wurden von Patienten in MDR-TB-Behandlung und ihren Pflegenden aus aller Welt in dem Manifest „Testet mich. Behandelt mich.“ aufgestellt. Alle sind aufgerufen, ihre Aufforderung zu dringender Hilfe zu unterstützen. „Es ist das Jahr 2013, und ich lebe nun im vierten Jahr mit TB, obwohl ich eigentlich im vierten Studienjahr an der Universität sein sollte“, erzählt Phumeza Tisile, eine 22-jährige Frau aus Khayelitsha in Südafrika, die von Ärzte ohne Grenzen gegen ihre multiresistente TB behandelt wird.

TB muss zur weltweiten Priorität werden

Sie ist eine der Unterzeichnenden des Manifests. „Seit dem Beginn meiner Behandlung im Juni 2010 habe ich etwa 20.000 Tabletten geschluckt und über 200 tägliche schmerzhafte Injektionen erhalten. Wegen dieser Medikamente bin ich nun taub. Ich wünschte, ich könnte einfach einen Monat lang jeden Tag zwei Tabletten schlucken und so geheilt werden.“Die Zahl der Menschen, die weltweit gegen MDR-TB behandelt werden, ist schockierend niedrig: Nicht einmal einer von fünf Patienten erhält die nötige Behandlung. Um diese Diskrepanz zu beseitigen, ist mehr politische und finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft nötig. „Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo TB zur weltweiten Priorität werden sollte, erleben wir einen gegenläufigen Trend, der TB weniger Dringlichkeit einräumt. Das können wir nicht akzeptieren“, sagt Dr. Manica Balasegaram, Leiter der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen.Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria hat bisher etwa 90 Prozent der internationalen Mittel im Kampf gegen TB gestellt. Kürzlich hat er jedoch seinen Anteil für diese Krankheit verkleinert. Bevor bei einem wichtigen Treffen über die Aufstockung entschieden wird, muss der Fonds ausreichend finanziert sein, damit die Länder die nötige Unterstützung für einen verstärkten Einsatz gegen MDR-TB erhalten. Die Aussicht auf bessere Behandlungen sollte die betroffenen Länder darin bestärken, ihre Bemühungen in der Erkennung und Behandlung von MDR-TB schon heute auszuweiten, damit stabile Programme bereit stehen, sobald die neuen Medikamente eingeführt werden. Die multiresistenten Formen von Tuberkulose stellen eine vernachlässigte globale Gesundheitskrise dar: Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass es 2011 630.000 Fälle von MDR-TB gab. Ärzte ohne Grenzen begann schon 2001, Patienten mit MDR-TB zu behandeln. 2011 behandelte die Organisation 1.300 Menschen mit MDR-TB in 21 Ländern.

Manifest zum Download Testet mich - behandelt mich. Website zur Tuberkulose mit Manifest

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