Afghanistan

Nord-Afghanistan: „Leben und Tod unter dem Vergrößerungsglas“

Krankenpfleger Brett Adamson aus Australien ist kürzlich von einem sechsmonatigen Aufenthalt in Kundus zurückgekehrt. Dort betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Krankenhaus, in dem Notfallpatienten mit lebensgefährlichen Verletzungen operiert werden.

Heute mussten wir mit ansehen, wie ein Kind starb. Wir hatten unser Möglichstes getan, aber es gibt immer Grenzen. Der Junge war von einem schnell fahrenden Motorrad erfasst worden und sein Schädel gebrochen.

Wir sind im Norden Afghanistans und betreiben dort ein chirurgisches Zentrum. Wir – das sind meine 19 internationalen Kollegen und ich – arbeiten mit 150 Afghanen und Afghaninnen zusammen. Unser Krankenhaus besteht aus einer Notfallabteilung, einem Operationssaal, je einer chirurgischen Station für Männer und Frauen und einer Intensivstation. Wir haben Röntgen- und Beatmungsgeräte, vollständige Herzüberwachung, Infusionspumpen, maschinelle Absaugung und Sauerstoff.

Zeit für Genesung, Hoffnung

Das Kind war an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Wir haben vier davon auf unserer Intensivstation und sie haben viele Leben gerettet – von Menschen, die durch Bombenexplosionen verletzt oder durch Gewehrschüsse verwundet waren oder Kopfverletzungen hatten. Wir hielten das Kind am Leben, um zu sehen, ob es sich erholen würde – so schufen wir Zeit für die Genesung, für die Gebete der Familie, für unsere Hoffnung. Der Junge hat es leider nicht geschafft. Die Mehrheit der Patienten überlebt zum Glück.

Wir ergreifen keine Partei. Wir kümmern uns um Menschen an allen Fronten dieses Krieges. Um Nachbarn auf die geschossen wurde, weil sie einen Baum fällten; um Kinder auf die geschossen wurde, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren; um Menschen, die von einer Explosion verletzt wurden, als sie zum Brot kaufen gingen; um ganze Familien, die mit Granaten beschossen wurden. Wir behandeln auch Opfer häuslicher Gewalt, Kinder mit Verbrennungen und viele Menschen, die bei Straßenunfällen verletzt wurden.

Alles auf einmal

Manchmal passiert alles auf einmal. Dann werden zehn Personen bei einem Autounfall verletzt, 15 bei einer Bombenexplosion oder 50 bei einer Schießerei. Wenn so etwas passiert, arbeitet das ganze Team bis tief in die Nacht hinein.

Dieses Kind wurde von einem schnell fahrenden Motorrad erfasst. Seine Familie ist dabei, als ich das Beatmungsgerät ausschalte und den Schlauch von seinen Lippen wegnehme um zu sehen, ob es alleine atmen kann. Wir haben ihnen mehrfach erklärt, dass seine Überlebenschancen sehr gering sind. Wenn ein Kind aufhört zu atmen, wissen wir, dass die Blutungen oder Schwellungen in seinem Kopf soweit fortgeschritten sind, dass fast alle Gehirnfunktionen verloren sind.

Leben und Tod unter dem Vergrößerungsglas

Der Junge schafft es nicht, alleine zu atmen. Sein Bett ist umgeben von Menschen – seine Familie, zwei Ärzte, eine Krankenschwester, die Schwester von der Morgenschicht, die geblieben ist – alle wollen ihr Möglichstes tun für das sterbende Kind. Das Kind ringt nach Atem, also lindern wir seine Qualen mit Medikamenten; eine Spritze schafft Erleichterung. Familienmitglieder halten seine Hand, eine Krankenschwester wäscht sein Gesicht.

Das ist Leben und Tod unter dem Vergrößerungsglas. Der Junge ringt von Zeit zu Zeit nach Luft und wieder stabilisieren wir ihn. Sein Herzschlag kommt zwischen den Atemzügen fast zum Erliegen. Seine Familienmitglieder tropfen ihm immer wieder ein kleines Bisschen Wasser auf die Lippen. Wir saugen seinen Mund ab und wir beruhigen die Familie. Schließlich stirbt er.

Wir waschen ihn, kleiden ihn an, verschließen seinen Kiefer, binden seine Zehen zusammen und wickeln ihn in ein sauberes Laken. Ein Bruder weint. 

Die Familie möchte ihn jetzt mitnehmen. Der Vater dankt uns für unsere Bemühungen, wickelt sein Kind in eine Decke und trägt es hinaus zu einem alten Kombi, der von einem Freund geliehen ist. Ich halte sein Kind, während er auf die Rückbank klettert. Ich überreiche ihm das Kind, er hält es auf den Armen und sie fahren nach Hause in die Berge.

Wir reinigen das Bett und die Gerätschaften und kümmern uns um die anderen Patienten. Dann beziehen wir das Bett mit frischen Laken. Innerhalb weniger Stunden liegt darin ein neuer Patient.

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