Syrien

Syrien: Die Aktivitäten im Überblick

Die Proteste, die 2011 in Syrien begannen, haben sich zu einem blutigen Konflikt ohne Anzeichen für eine baldige Lösung ausgeweitet. Bislang wurden rund 200.000 Menschen getötet, 7,6 Millionen Syrer und Syrerinnen im Landesinneren vertrieben und 3,2 Millionen syrische Flüchtlinge in den Nachbarländern registriert. Syrien gilt derzeit als weltweit schlimmste humanitäre Katastrophe.

Das syrische Gesundheitssystem ist mittlerweile zusammengebrochen, und Tausende medizinische Fachkräfte sind aus dem Land geflohen. Andere, die geblieben sind, wurden aufgrund ihrer Tätigkeit gezielt angegriffen. Der Bedarf an medizinischer Hilfe in Syrien ist daher immens.

Trotz der schwierigen Sicherheitslage – fünf Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen wurden Anfang 2014 entführt und später freigelassen – betreibt Ärzte ohne Grenzen weiterhin medizinische Einrichtungen in Syrien. Zudem unterstützen die Teams landesweit mehr als 100 Kliniken, Gesundheitsposten sowie -einrichtungen und behandeln syrische Patienten und Patientinnen im Irak, in Jordanien und im Libanon. In den vergangenen Monaten wurden die Kontrollen an den Grenzübergängen zu Jordanien und zum Libanon allerdings verschärft, was die Flucht aus Syrien in die Nachbarländer erschwert hat.

Aktivitäten in Syrien

Provinz Aleppo

In der Provinz Aleppo, die in den vergangenen Jahren Schauplatz heftiger Kämpfe war, leistet Ärzte ohne Grenzen medizinische Hilfe in zwei Krankenhäusern: In einem Hospital mit 28 Betten arbeiten die Teams in der Notaufnahme, Geburtshilfe und in der Orthopädie, bieten ambulante Versorgung (rund 50 Sprechstunden täglich) und Impfungen sowie die Behandlung einiger chronischer Krankheiten an. Ärzte ohne Grenzen unterstützt von diesem Krankenhaus aus zudem zehn provisorische Feldkliniken, neun Erste-Hilfe-Stationen und drei Gesundheitszentren mit Medikamenten und medizinischem Material.

Das zweite Krankenhaus mit 40 Betten umfasst Aktivitäten wie ambulante Hilfe (rund 15.000 Konsultationen im Jahr 2014), Impfungen, stationäre Versorgung (etwa 1.000 Aufnahmen pro Jahr), Notaufnahme (ca. 10.000 Sprechstunden jährlich) sowie etwa 600 chirurgische Eingriffe, vorgeburtliche Untersuchungen und Geburtshilfe. Zudem leisten die Teams psychologische Hilfe und überweisen Patienten und Patientinnen in andere Krankenhäuser.

Provinz Idlib

Ärzte ohne Grenzen betreibt hier seit Juni 2012 eine unfallchirurgische Klinik, in der vor allem Verbrennungsopfer behandelt werden. Es ist die einzige Einrichtung dieser Art im Nordwesten Syriens. Die 15-Betten-Klinik verfügt über eine Notaufnahme, in der die Teams auch allgemeine medizinische Hilfe und psychologische Unterstützung anbieten.

In den Vertriebenencamps der Region, in denen rund 70.000 Menschen leben, überwacht Ärzte ohne Grenzen den Ausbruch von Krankheiten und führt Routine-Impfungen durch.

Nordsyrien

Die Grenze zum Irak wurde im September 2013 geschlossen und im Juni 2014 erneut für syrische Rückkehrende aus dem Irak geöffnet. Im August überquerten Zehntausende Iraker und Irakerinnen die Grenze. Sie flohen vor der Gewalt in der irakischen Provinz Ninewa. Ärzte ohne Grenzen leistet auf beiden Seiten der Grenze medizinische Hilfe. Die Teams betreiben mobile Kliniken sowie medizinische Einrichtungen in Übergangslagern und Vertriebenencamps. Zudem betreuen sie in einem Krankenhaus die Unfallstation sowie die Mutter-Kind-Abteilung und bieten ambulante Behandlung in zwei Gesundheitszentren an. Seit August 2013 versorgen unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen außerdem die lokale Bevölkerung sowie Vertriebene mit mobilen Kliniken auf der syrischen Grenzseite zum Irak und unterstützen Impfkampagnen.

Landesweite medizinische Hilfe

Seit August 2011 versorgt Ärzte ohne Grenzen landesweit medizinische Einrichtungen in den am stärksten vom Syrien-Konflikt betroffenen Regionen mit Medikamenten und dringend benötigten Hilfsgütern. Diese Unterstützung funktioniert hauptsächlich über syrische medizinische Netzwerke und provisorische Feldkliniken. Sie schließt auch zwei Rettungswagen-Services sowie Trainingsprogramme ein. Im Jahr 2014 haben davon mehr als 100 medizinische Strukturen in acht Provinzen profitiert, die sowohl von der Regierung als auch von der Opposition kontrolliert werden.

Aktivitäten in den Nachbarländern

Libanon

Die Lage im Libanon bleibt sehr unbeständig. Die Versorgung der Flüchtlinge aus Syrien belastet zudem das öffentliche Gesundheitssystem des Libanon erheblich. Seit Dezember 2014 hat die Regierung daher die Einreisebestimmungen verschärft (z. B. Visapflicht für Syrer). Syrische Flüchtlinge machen etwa ein Drittel der libanesischen Bevölkerung aus.

Die Unterkünfte der syrischen Flüchtlinge sind vielfach völlig unzureichend. Die größte Sorge im Gesundheitsbereich betrifft die ambulante und stationäre medizinische Hilfe. Dies schließt auch sichere Entbindungen und die medikamentöse Behandlung chronischer Krankheiten ein.

In der Bekaa-Ebene, der Haupteintrittspforte für syrische Flüchtlinge, bietet Ärzte ohne Grenzen seit März 2012 umfassende primäre und reproduktive Hilfe in Kliniken in Hermel, Arsal, Baalbeck und Majdal Anjar an. Hier können sich auch syrische Flüchtlinge ohne Papiere und bedürftige Libanesen und Libanesinnen behandeln lassen. Die Teams leisten zudem psychologische Hilfe und klären über Gesundheitsfragen auf.

In Tripoli, im Norden des Landes, leben viele syrische Flüchtlinge. Seit Februar 2012 unterstützt Ärzte ohne Grenzen daher das Krankenhaus Dar al-Zahraa sowie seit November 2012 das Al-Zahraa-Gesundheitszentrum im Bezirk Jabal Mohsen. Im April 2013 starteten zudem Aktivitäten in der Al-Dawa-Klinik im Bezirk Bab al-Tabbaneh.

Vor dem Ausbruch des Konflikts in Syrien im März 2011 lebten dort etwa 500.000 palästinensische Flüchtlinge. Da auch sie in Aleppo, Dara und im Süden von Damaskus angegriffen wurden, flohen rund 40.500 der palästinensischen Flüchtlinge in den Libanon und rund 10.000 nach Jordanien. Seit April 2011 versorgt Ärzte ohne Grenzen palästinensische Flüchtlinge und bedürftige Libanesen und Libanesinnen im Lager Ein-el-Helweh, nahe Saida, mit psychologischer Hilfe. Dieses Projekt wird im Juni 2015 an das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) übergeben werden.

Ärzte ohne Grenzen leistet zudem seit Juni 2013 ambulante Hilfe für syrische und palästinensische Flüchtlinge im Lager Ein-al-Helweh sowie seit September 2013 im Shatila Camp, nahe Beirut. In Letzterem wird auch psychologische Hilfe angeboten. Im Süden des Landes bieten die Teams ambulante medizinische Hilfe und psychologische Unterstützung für Flüchtlinge in drei Kliniken an.

Jordanien

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR waren im Januar 2015 mehr als 620.000 Flüchtlinge aus Syrien in Jordanien registriert. Rund 75 Prozent von ihnen leben außerhalb der Lager. Dies belastet das Gesundheitssystem enorm und schränkt den Zugang zu medizinischer Hilfe auch für die jordanische Bevölkerung ein.

In Irbid betreibt Ärzte ohne Grenzen seit Oktober 2013 ein Mutter-Kind-Projekt, um Flüchtlinge aus Syrien und bedürftige Jordanier und Jordanierinnen zu versorgen. Seitdem wurden hier mehr als 2.200 sichere Geburten sowie mehr als 11.000 vorgeburtliche Untersuchungen durchgeführt. Im Januar 2014 starteten zudem pädiatrische Aktivitäten. Bislang haben die Teams mehr als 13.500 Sprechstunden gegeben. Seit Oktober 2014 bieten sie zudem psychologische Hilfe für Kinder an.

Gemeinsam mit den jordanischen Gesundheitsbehörden plant Ärzte ohne Grenzen derzeit ein Projekt zur Behandlung von nicht-übertragbaren Krankheiten. Das rekonstruktive chirurgische Projekt in Amman, das 2006 für irakische Patienten und Patientinnen begann, nimmt seit 2011 auch Verwundete aus Syrien auf. Bis November 2014 wurden hier 651 syrische Erkrankte versorgt.

Im September 2013 begann Ärzte ohne Grenzen ein notfallchirurgisches Projekt im Al-Ramtha-Regierungskrankenhaus, das nur fünf Kilometer von der der syrischen Grenze entfernt liegt. Zwischen September 2013 und Oktober 2014 wurden hier 647 Verletzte aufgenommen, 2.260 größere chirurgische Eingriffe und 1.224 psychologische Gespräche durchgeführt. Im nahegelegenen Flüchtlingslager Al-Zaatari eröffnete Ärzte ohne Grenzen im März 2014 eine Klinik zur postoperativen Versorgung. Bis Oktober 2014 wurde die Anzahl der Betten von 28 auf 40 erweitert. Bislang wurden 179 Patienten und Patientinnen aufgenommen und mehr als 190 psychologische Gespräche geführt.

Irak

Ein Großteil der rund 223.930 syrischen Flüchtlinge im Irak lebt derzeit in der kurdischen Region im Nordirak. Seit Mai 2012 leistet Ärzte ohne Grenzen im Lager Domeez medizinische Hilfe für Flüchtlinge aus Syrien. Dies schließt sexuelle und reproduktive Gesundheitsversorgung ein sowie die Behandlung chronischer Krankheiten und psychologische Hilfe. Seit Anfang 2014 wurden mehr als 60.500 Patienten und Patientinnen behandelt. Im August eröffneten die Teams zudem eine Mutter-Kind-Station. Außerdem arbeiten sie in der Notaufnahme des Dohuk-Krankenhauses, die 24 Stunden täglich geöffnet ist.

In der Provinz Erbil bietet Ärzte ohne Grenzen psychologische Hilfe in zwei Flüchtlingslagern an: Kawargosk-Camp (seit Oktober 2013) und Darashakran-Camp (seit März 2014). Mehr als 1.200 psychologische Sprechstunden wurden bislang durchgeführt.

Griechenland

Trotz schwierigster Bedingungen schaffen es Flüchtlinge aus Syrien immer wieder, nach Griechenland zu fliehen. 2014 gelang rund 13.000 Syrern und Syrerinnen die gefährliche Flucht übers Meer: Aufgrund der erbärmlichen Aufnahmebedingungen auf den griechischen Inseln des Dodekanes startete Ärzte ohne Grenzen dort im August 2014 zwei Nothilfeprojekte. Das mobile Team leistete medizinische Hilfe für 350 Flüchtlinge aus Syrien und verteilte mehr als 3.000 Kits mit Hilfsgütern wie Schlafsäcken, Seife und Hygieneartikeln.

Italien

Ärzte ohne Grenzen unterstützt die italienischen Gesundheitsbehörden mit medizinischer Hilfe in den Provinzen Ragusa und Syrakus auf Sizilien. Unter den Flüchtlingen, MigrantInnen und Asylbewerbern sind auch zahlreiche Syrer und Syrerinnen, die die Flucht über das Mittelmeer gewagt haben.

Die Multimedia-Dokumentation "Exodus" bietet Einblick in die Situation von Menschen, die vor der Gewalt in Syrien fliehen mussten: Exodus aus Syrien

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