03.08.2021

Vor genau einem Jahr kam es im Hafen von Beirut zu einer gewaltigen Explosion, die die ganze Stadt erschütterte. Die Bilder der Zerstörung gingen damals um die Welt. 365 Tage später liegt das kleine Land am Mittemeer immer noch in Trümmern und versinkt in der schlimmsten Wirtschaftskrise des Landes seitjeher. Unsere Teams leisten medizinische Nothilfe in verschiedenen Regionen des Landes. Der Hilfsbedarf in der Bevölkerung ist gestiegen – und steigt täglich weiter an.

Ein Blick zurück

Die gewaltige Explosion im Hafen von Beirut hatte verheerende Auswirkungen: Fast 200 Menschen kamen ums Leben, mehr als 6.000 wurden verletzt und Zehntausende Menschen verloren ihr Zuhause. 

Durch die Explosion im August wurden öffentliche Einrichtungen wie Spitäler zerstört. Auch das Zentrallager der Gesundheitsbehörde wurde stark beschädigt. Dadurch wurde der Zugang zu Medikamenten, vor allem für ältere Menschen und Patient:innen mit chronischen Krankheiten erschwert. 
 

Logistiker Daniel Ebner erinnert sich

Der steirische Logistiker Daniel Ebner war damals in Beirut vor Ort. In diesem Video erzählt er von den vielleicht herausforderndsten Wochen seines Lebens:

Effiziente Soforthilfe

Nach der Explosion lieferten die Teams von Ärzte ohne Grenzen umgehend Erste-Hilfe-Kits an den libanesischen Katastrophenschutz und medizinische Hilfsgüter und Masken an das libanesische Rote Kreuz. An drei Standorten in Karantina, Mar Mkhayel und Khandak versorgten Mitarbeiter:innen von Ärzte ohne Grenzen über 1.800 Patient:innen mit Wunden durch die Explosion und behandelten rund 4.500 Menschen mit nicht übertragbaren Krankheiten.

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen gingen außerdem in den betroffenen Gebieten von Tür zu Tür, um den Bedarf der Menschen in diesen Vierteln zu erheben und ihnen so besser helfen zu können. Außerdem hat Ärzte ohne Grenzen Wassertanks installiert und Wasser- und Hygienesets an die Menschen verteilt. Ein wesentlicher Bestandteil war auch der Ausbau von psychologischer Hilfe. 
 

COVID-19-Welle nach Explosion

Nach der Explosion gerieten mehrere öffentliche Krankenhäuser wegen zahlreicher COVID-19-Infizierter nahezu an ihre Kapazitätsgrenze. Die COVID-19-Zahlen stiegen drastisch an, nachdem die Menschen nach der Katastrophe verzweifelt versucht hatten, Krankenhäuser zu erreichen und – ohne an Schutzmaßnahmen zu denken – vom Unglücksort flohen. 

Mehrere Wochen befand sich der Libanon im Lockdown. Im öffentlichen Gesundheitssystem gab es wegen der Wirtschaftskrise schon vor der Corona-Pandemie regelmäßig Engpässe bei Medikamenten und medizinischem Material – die Situation verschlechterte sich weiter. 
 

Keine Verschnaufpause für Menschen im Libanon

Die Menschen müssen sich entscheiden, ob sie ihr Geld für Nahrungsmittel oder Arzneimittel ausgeben. Die Preise von beidem sind bis zu fünfmal so hoch wie früher.

Hammoud al-Shall, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen

Ein Jahr nach der Explosion in Beirut ist der Bedarf an medizinischer und psychologischer Hilfe nach wie vor enorm, gleichzeitig ist ein Arztbesuch zu einem Luxus geworden. „Das Gesundheitssystem im Libanon ist hochgradig privatisiert. Deswegen gibt es immer mehr Menschen, die sich keinen Arzt oder Medikamente leisten können. Wir bieten daher kostenlose medizinische Versorgung und Medikamente für alle Patient:innen,“ berichtet Hammoud al-Shall, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen

Situation für Geflüchtete besonders hart

Arsal refugee camp
SOPHIE MUELLER
Ein Geflüchtetenlager in Arsal, nahe der syrischen Grenze.

Im Libanon leben, in Relation zur Gesamtbevölkerung, so viele Geflüchtete wie in keinem anderen Land der Welt. Ungefähr jede vierte Person, die im Libanon lebt, ist geflüchtet. Die enormen Preisanstiege und die angespannte Situation am Arbeitsmarkt, auch bedingt durch die Coronapandemie, bringen viele an den Rand der Existenz.

Wie auch Shaimaa Shams Eddine. Sie ist vor zehn Jahren vor dem Krieg in Syrien geflohen und lebt seit dem in einem Geflüchtetenlager im Libanon. Auch für sie ist der Alltag zu einem Überlebenskampf geworden. Das Dach des Zeltes, in dem sie mit ihrem Mann lebt, ist undicht. Im kalten libanesischen Winter, in dem es auch oftmals schneit, ist das schwer auszuhalten. Auch tägliche Lebensmittel sind zum Luxusgut geworden:

Wir essen zurzeit eine Mahlzeit am Tag. Viele hier können sich nicht einmal mehr das leisten.

Shaimaa Shams Eddine, Patientin
Shaimaa Shams Eddine, patient
SOPHIE MUELLER/MSF
Shaimaa in ihrer Unterkunft.

Eine unsichere Zukunft

Dabei wäre eine ausgewogene Ernährung für Shaimaa gerade jetzt wichtig. Denn sie erwartet ihr erstes Kind. In der Mutter-Kind Klinik von Ärzte ohne Grenzen bekommt sie kostenlose Hilfe. Ein staatliches Krankenhaus könnte sie sich, wie viele Geflüchtete und auch Libanes:innen, nicht leisten.

Shaimaa macht sich Sorgen über die Zukunft. Wie es weitergehen wird, das weiß sie nicht. Mit einer Verbesserung der Situation im Libanon in nächster Zeit rechnet sie nicht. Was ihr dennoch Hoffnung gibt, sind ihre Familie, Freunde und Nachbarn, die in der Not aushelfen, und die große Freude über den baldigen Familienzuwachs.