Die Südtirolerin Johanna Dibiasi arbeitet seit einem Jahr als Hebamme im Libanon. Hier erzählt sie von den schwersten und schönsten Momenten ihrer Arbeit.
Kommentar von Johanna Dibiasi
27.09.2021

Dieser Einsatz ist anders. Der Libanon ist ein schönes Land mit sehr vielen Problemen. Eigentlich gibt es ein Gesundheitssystem mit hohem Standard. Die Mitarbeiter:innen sind sehr gut ausgebildet. In Bangladesch oder der Demokratischen Republik Kongo, wo ich schon war, gibt es das nicht. 

Ich arbeite als Hebamme in einer teamübergreifenden Organisationsposition. Unsere Mutter-Kind-Klinik liegt mitten im Geflüchtetencamp Burj Al Barajneh, unsere Geburtsklinik ist am Rafik Hariri Krankenhaus angeschlossen. Als ich vor einem Jahr in den Libanon gekommen bin, haben wir vor allem Gesundheitsversorgung für syrische und palästinensische Geflüchtete ermöglicht. Seitdem hat sich viel verändert: Die Situation und meine Aufgaben!

Die Apotheken sind leer

Die Wirtschaftslage ist sehr schlecht. Die Inflation extrem hoch. In den letzten Monaten ist alles schlimmer geworden: Immer mehr Menschen suchen bei uns Hilfe, auch Libanes:innen. Sie können sich kaum Lebensmittel, geschweige denn einen Arztbesuch, leisten. Die Apotheken sind leer. Immer mehr Gesundheitspersonal verlässt das Land. Krankenhäuser schließen ganze Abteilungen und fahren auf Minimalbetrieb.

In der Geburtsklinik

Unsere hebammengeleitete Geburtsklinik nimmt normalerweise nur Frauen mit geringem Geburtsrisiko auf. Wir führen circa 3.000 Geburten im Jahr durch. Bei Komplikationen bringen wir Schwangere in ein anderes Krankenhaus, mit dem wir zusammenarbeiten. Früher konnten wir uns darauf verlassen.

Jetzt bricht das Gesundheitssystem zusammen! Wir bekommen verzweifelte Anrufe von Krankenhäusern, die Patientinnen abweisen müssen, weil ihnen notwendige Medikamente fehlen. Zum Beispiel Oxytocin, das hilft, wenn es zu einer Blutung nach der Geburt kommt. Es sorgt dafür, dass sich die Gebärmutter wieder zusammenzieht – und rettet so das Leben der Frau. Das beste medizinische Personal nützt nichts, wenn solche Medikamente fehlen!

Video: Tour durch den Kreissaal

Letztens hatten wir einen ruhigen Moment - der Kreißsaal war leer. Ich habe den Moment genutzt und Ihnen ein Video mitgebracht, um Ihnen einen noch besseren Einblick in meine Arbeit zu geben: 

Ein Baby mit Herzfehler

Gerade vor kurzem hatten wir eine schwangere Frau in der Klinik. Ihr Baby hat eine Fehlbildung am Herzen. Nach der Geburt: Wir wussten, dass sich nach 48 Stunden der Herzkanal verschließen wird und das Baby stirbt, wenn wir nicht handeln! Ich habe zehn Stunden herumtelefoniert und versucht einen Platz in einer intensivmedizinischen Versorgung zu bekommen. Doch jedes Krankenhaus hat abgelehnt, weil sie ein wirksames Medikament nicht mehr hatten. Um 10 Uhr abends haben wir es geschafft, einen Kinderkardiologen und einen Platz zu finden. Da war mein Tag gelaufen. Ich war einfach so froh, dem Baby helfen zu können!

Dazu kommt: Jeden Tag fällt der Strom aus. Wir haben Generatoren, um in der Geburtsklinik weiter arbeiten zu können. Aber jetzt waren wir ein Wochenende lang ohne Strom! Wir konnten keinen Diesel mehr für die Generatoren finden.

Wir gehen an unsere Limits

Wir von Ärzte ohne Grenzen versuchen das kollabierende Gesundheitssystem auszugleichen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass die Situation sich so schnell verschlechtert. Immer wieder gelangen mein Team und ich an unsere Limits. Wir sind nur noch im Notfall-Modus, versuchen unser Projekt anzupassen und noch mehr Menschen Hilfe zu ermöglichen. Die wichtigsten Medikamente importieren wir zum Glück selbst. 

Was mich im Projekt hält, sind unsere libanesischen Kolleg:innen. Es ist unglaublich, was für eine professionelle Expertise sie haben, mit welchem Einsatz und Motivation sie arbeiten. Und das, obwohl sie selbst von der Situation betroffen sind. Und dann sind da noch unsere Patientinnen, die mich jeden Tag aufs Neue motivieren: Sie sind so dankbar für unsere Hilfe. Sie könnten sich sonst keine:n Ärzt:in, keine Schwangerschaftsbetreuung oder Geburt leisten. Es ist so wichtig, dass wir hier sind. Deswegen habe ich meinen Einsatz verlängert!

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