22.10.2025
Unsere Ärztin Jennifer Hulse war in Nyala im Sudan. Sie berichtet, wie wir ein vom Krieg zerstörtes Krankenhaus wieder funktionsfähig machen.

Schon seit mehr als zweieinhalb Jahren wütet der Krieg im Sudan. Als die Kämpfe die Stadt Nyala in Süd-Darfur erreichen, wird das Krankenhaus stark beschädigt. Immer mehr Menschen brauchen medizinische Hilfe. Gleichzeitig müssen viele andere Gesundheitseinrichtungen ihre Arbeit einstellen. 

Unsere Ärztin Jennifer Hulse kommt erstmals im Jahr 2024 nach Nyala, um unsere Hilfe wieder aufzubauen. Sie erzählt von fünf wichtigen Schritten, wie wir das angehen.

Jennifer Hulse

1. Schnell handeln

Vor dem Krieg sind Patient:innen aus der ganzen Region in das Krankenhaus gekommen. Dann wurde es zerstört. Als ich erstmalig im Nyala Krankenhaus ankomme, nehmen wir es gerade wieder in Betrieb – und wir müssen schnell handeln.

Nyala Teaching Hospital, Destruction
Abdalla Berima/MSF
Das Nyala Krankenhaus mit Schusslöchern
Nyala Teaching Hospital: destroyed Equipment and destroyed ambulances
Abdalla Berima/MSF
Zerstörte Betten und Ambulanzen.
Nyala Krankenhaus
MSF
Ein Blick durch die zerstörte Mauer.
Nyala Teaching Hospital, destruction inside
Abdalla Berima/MSF
So hat es nach den Kämpfen im Krankenhaus ausgesehen.

Unser Logistikteam arbeitet daran, grundlegende Infrastruktur wie Stromgeneratoren, fließendes Wasser und sanitäre Einrichtungen wiederherzustellen. 

Außerdem mussten zum Höhepunkt der Gewalt viele Menschen die Stadt verlassen. Die Kolleg:innen, die geblieben sind, sind vor allem junge Ärzt:innen und Pflegepersonal. Sie halten trotz unglaublicher Herausforderungen unsere Hilfe aufrecht. 

Jede Abteilung des Krankenhauses braucht Unterstützung. Aber wir haben nur begrenzte Ressourcen. Deswegen müssen wir uns auf die Bereiche konzentrieren, in denen wir die größte Chance haben, um Leben zu retten: die Kinderabteilung, Geburtshilfe und Notfallmedizin. 

2. Hilfsgüter durch die Wüste bringen

Viele Krankenhäuser in der Region Darfur wurden geplündert. Doch es ist für sie oft unmöglich, neue medizinische Hilfsgüter zu besorgen. 

Mitarbeitende des Krankenhauses sind in der ganzen Stadt unterwegs: Sie suchen verzweifelt nach Apotheken, in denen es noch Hilfsgüter wie Spinalnadeln für Notkaiserschnitte gibt. Wenn sie endlich welche finden, sind diese oft wegen der Knappheit um das Fünffache teurer. 

Die Situation ist untragbar. Wir suchen nach neuen Wegen: Es gibt eine lange, herausfordernde Route durch die Wüste in den benachbarten Tschad. 

Es ist weniger eine Straße als ein sandiger Pfad, aber wir sind entschlossen diesen Weg zu nehmen.

Kurz bevor ich meinen Einsatz beende, erhalten wir endlich die erste große Lieferung über diesen Weg. Monatelang mussten wir unsere Mittel sorgfältig rationieren. Nun kommen endlich ganze Lastwägen mit lebenswichtigen Hilfsgütern an.

3. Sauerstoffversorgung sicherstellen

Für viele unserer schwerstkranken Patient:innen ist medizinischer Sauerstoff überlebenswichtig. Als ein Sauerstoffgerät des Krankenhauses ausfällt, ist das Leben vieler in Gefahr.

Wir versuchen schnell festzustellen, wie viele Patient:innen derzeit mit Sauerstoff versorgt werden. Und für wen die Sauerstoffzufuhr sicher reduziert werden kann. 

Wir berechnen, wie viel Zeit uns noch bleibt, bevor unsere Sauerstoffvorräte vollständig aufgebraucht sind.

Unterdessen versucht unser Logistikteam den einzigen Techniker der ganzen Stadt zu finden, der das Gerät reparieren kann. Die Zeit wird für unsere Patient:innen knapp. 

Doch meine Kolleg:innen haben Erfolg: Sie finden nicht nur den Techniker, sondern auch ein Ersatzteil. Die Sauerstoffversorgung für all unsere Patient:innen ist sichergestellt. 

Nyala Teaching Hospital, renovated part: Entrance paediatric emergencies department
Abdalla Berima
Der renovierte Teil des Krankenhauses: Die Kinderabteilung.
Nyala Teaching Hospital, paediatric department
Abdalla Berima
So schaut die Kinderabteilung mittlerweile aus.
Maternity in South Darfur
Abdoalsalam Abdallah/MSF
Anhar hatte einen Kaiserschnitt - ein lebensrettender Eingriff.
Maternity in South Darfur
Abdoalsalam Abdallah/MSF
Die schwangere Fatoum erhält Hilfe in unserer Geburtenstation.

4. Bluttransfusionen ermöglichen

Bluttransfusionen retten Leben. In Nyala sind wir auf die Blutbank des Krankenhauses angewiesen. 

Aber es gibt ein Problem: Denn das Blut muss unter einer bestimmten Temperatur gelagert sein. Das Krankenhaus wird über Generatoren mit Strom versorgt. Diese sind während des Konflikts beschädigt worden. 

Einige sind mit Kugeln durchsiebt, bei anderen fehlen Teile, die gestohlen wurden. 

Unser Team kann einen der Generatoren reparieren. Aber das reicht nicht aus, um das gesamte Krankenhaus rund um die Uhr mit Strom zu versorgen: Der Blutkühlschrank kann nicht durchgehend betrieben werden. Und damit kann das Blut nur für kurze Zeit sicher verwendet werden.

Eines Tages hält ein Lastwagen vor dem Krankenhaus. Er hat keinen neuen Generator dabei, aber etwas anderes: einen neuen Kühlschrank. Dieser ist so gut isoliert, dass er auch ohne Strom 12 Stunden lang kalt bleibt. So ist die Blutbank über Nacht sicher, wenn der Generator abgedreht werden muss. 

5. Impfungen ermöglichen

Seit über einem Jahr sind keine Impfstoffe mehr in Darfur angekommen. Wir sehen erste Fälle von Masern, einer hochansteckenden Krankheit. Es besteht die Gefahr einer verheerenden Epidemie, weil so viele Menschen beengt im Geflüchtetenlager leben.

Impfstoffe müssen bei stabiler Temperatur gelagert werden. Wir transportieren diese im Lastwagen durch die Wüste. 

Einen Tag vorher werden wir informiert, dass die Lieferung eintreffen wird. Das ist sehr knapp. Unser Kühlschrank ist zu klein für die tausenden Impfstoffe. Wir müssen schnell sein - und finden schließlich auf einem Markt einen Kühlraum, der zuvor für Gemüse genutzt wurde. 

Als die Lastwagen mit den Impfstoffen ankommen, sind diese in isolierten Kühlboxen eingelagert. Jede davon hat einen Temperaturüberwachungssensor im Inneren. Haben sie die Reise überstanden? Ja. 

In Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium impfen wir innerhalb von einer Woche alle Dosen, um gefährdete Kinder vor Krankheiten zu schützen.

Nyala Teaching hospital: patient’s relatives
Abdalla Berima
Das Nyala Krankenhaus ist wieder eine Lebensader für die Bevölkerung.