Kommentar von
27.11.2025
Franz Luef ist zum insgesamt vierten Mal als Nothilfekoordinator im Gazastreifen. Er berichtet, was der Waffenstillstand für die Menschen vor Ort bedeutet – und warum die Lage noch immer angespannt ist.

Ich bin froh, wieder hierher nach Khan Younis im Gazastreifen entsandt worden zu sein. Ich war bereits im Jänner hier und habe damals die Freude nach dem ersten Waffenstillstand miterlebt. Jetzt sehe ich aber bei meinen Kolleg:innen und in der Bevölkerung, dass die Situation eine andere ist, dass die Menschen nicht mehr so optimistisch sind. Ich kann den Vergleich ziehen, nach weiteren sechs Monaten intensivster Kampfhandlungen und Bombardierungen, die sich auf die Bevölkerung ausgewirkt haben. 

Im Gazastreifen: Franz Luef von Ärzte ohne Grenzen
(c) MSF
Franz Luef bei einem seiner Einsätze im Gazastreifen.

Es gibt noch immer Angriffe

Wir alle hier sind nach wie vor nicht verschont von Angriffen - es kann jede:n treffen. Erst letzten Samstag, als es diese Pause vom Waffenstillstand gab, gab es wieder einen Luftangriff weniger als 800 Meter entfernt von unserem Haus, in dem wir untergebracht sind.

Seit Beginn dieses Waffenstillstandes, seit dem 11. Oktober, sind viel zu viele Menschen getötet und verletzt worden - trotz Waffenstillstand. Das Gesundheitsministerium berichtet von mehr als 300 getöteten Menschen, Zivilist:innen und mehr als 800 Verletzten, die auch wir in unseren Kliniken und Krankenhäusern versorgt haben.

Wie es den Menschen geht

Aber ich kann nun, ohne schlechtes Gewissen, meine Mitarbeiter:innen fragen: "Na, wie geht es euch?" Eine Frage, die ich mich im April, als ich da war, als der Waffenstillstand gebrochen wurde, nicht zu fragen traute. Es gab ständig Angriffe, Bombardierungen, es gab keinen sicheren Platz.

Und es schien mir damals unangebracht, unsere Mitarbeiter:innen und Kolleg:innen zu fragen, wie es ihnen geht. Dabei habe ich mittlerweile eine enge Verbindung zu ihnen, da wir die zwei Jahre des Krieges gemeinsam gegangen sind. Dieses Mal ist es anders, diesen Waffenstillstand zu haben und es tat gut, zu sehen, dass sie und ihre Familien wohlauf sind.

Die Zerstörung ist schwer in Worte zu fassen.

Ein Großteil der Bevölkerung von über eineinhalb Millionen Menschen lebt hier in Gaza nach wie vor in Notunterkünften. Ich war vor einer Woche in Gaza Stadt, um eines unserer Projekte zu besuchen und im südlichen Teil von Gaza Stadt. Ich habe den Stadtteil nicht mehr erkannt.

Eroding Dignity and Undignified Living Conditions
Motasem Abu Aser/MSF
Die aktuellen Lebensbedingungen im Gazastreifen sind noch immer katastrophal.

Ich war das letzte Mal im Mai dort, und so eine systematische Zerstörung habe ich nur in wenigen Konflikten so gesehen. Das erinnert mich an Aleppo. Ich glaube, die Fotos von Aleppo in Syrien sind den meisten traurigerweise noch in Erinnerung. Aber: die Bevölkerung will zurück, will zu ihren Häusern, ihrem kleinen Stück Land und versucht sich dorthin durchzuschlagen, sofern sie ihren kleinen Flecken Erde noch finden können in diesem unvorstellbar großen Berg an Schutt und Asche.

Wenn die Hilfe ausbleibt

Wir hatten letzten Dienstag auch noch starke Regenfälle in der Nacht, wovon auch unsere Gesundheitszentren sehr stark betroffen wurden. Die Bevölkerung ist wütend, sie versteht nicht, dass trotz Waffenstillstand und trotz diesem herannahenden Winter keine Hilfe in größerem Ausmaß in den Gazastreifen kommt.

Wir haben in unmittelbarer Nähe unserer Gesundheitszentrum gesehen, wie Zelte überflutet sind. Mütter, Kinder, Väter versuchen das Wasser aus den Zelten zu bringen. Wir kennen diese Situation von den Überschwemmungen der Donau: Wenn das Wasser kommt, gibt es keinen Ausweg und das ist auch hier so.

Mir bricht das Herz nach zwei Jahren Kampf ums Überleben in diesem furchtbaren Krieg.

Die Menschen sind müde, erschöpft, physisch, aber auch psychisch, und dann kommt keine ausreichende Hilfe, trotz Waffenstillstand. Auch wir von Ärzte ohne Grenzen haben keine Erklärung dafür.

Der Winter naht

Es wissen alle, der Winter kommt, also kann und darf der Winter uns nicht überraschen. Wir haben letzten Winter Kinder mit Unterkühlung erlebt. Es hat an Decken gefehlt, an Unterkünften. Es wäre ein Versagen der internationalen Gemeinschaft, wieder unvorbereitet in diesen Winter hineinzuschreiten. 

Am Markt sieht man E-Bikes, es gibt Schokolade, alle möglichen Dinge, aber es kommen zu wenig Hilfsgüter nach Gaza, zu wenig Zelte, zu wenig Hilfsmaterialen, um die Notunterkünfte winterfest zu machen. 

Die Not ist noch immer da

Die Menschen wünschen sich, dass die Stabilität anhält, dass dieser Waffenstillstand hält, dass sie heil und gesund über den Winter kommen, dass die Hilfsgüter ins Land kommen. Aber ein Großteil der Bevölkerung, auch unsere Mitarbeiter:innen, denkt noch nicht weiter in die Zukunft, sie wollen nur über die Runden kommen.

Es ist wichtig zu wissen für die internationale Gemeinschaft, auch für die Österreicher:innen, für all jene, die Interesse haben an Gaza, dass mit diesem Waffenstillstand zwar eine Verbesserung eingetreten ist, dass die Not aber nach wie vor sehr, sehr groß ist.