Den Menschen im Libanon geht es immer schlechter. Patricia Otuka-Karner, Leiterin unserer Pressestelle, hat das vor Ort hautnah mitbekommen. Hier berichtet sie.
Kommentar von Patricia Otuka-Karner
17.09.2021

Patricia Otuka-Karner, Leiterin der Pressestelle bei Ärzte ohne Grenzen Österreich, war im Rahmen unserer #LibanonNothilfe-Aktion Anfang September für ein paar Tage auf einer Pressereise im Libanon. Hier schildert sie ihre Erlebnisse:

Mit aufgeregter Vorfreude spähen die Journalistin und ich aus dem Flugzeugfenster. Während bei der Zwischenlandung in Ankara ein Lichtermeer unter uns herrschte, erwarten wir bei der Ankunft in Beirut Dunkelheit – wir sind neugierig, was dran ist an den Berichten, die wir zuletzt aus dem Libanon gehört haben.

Mittlerweile sollen die Stromausfälle teilweise bis zu 22 Stunden am Stück andauern, Bäckereien müssen zusperren, weil es weder Strom noch Benzin für die Generatoren gäbe. Wasser muss bereits rationiert werden. Zuletzt hat gar die britische Botschaft angekündigt, Personal abzuziehen. Auch meine Kolleg:innen haben mich vorgewarnt: Die ohnehin bereits herausfordernde Situation habe sich in den letzten Monaten weiter verschärft.

Graffiti in Beirut, Libanon
Patricia Otuka-Karner/MSF
"Wir sind alle Bettler" steht an einer Hauswand in Beirut.

„Wir sind alle Bettler“, „Wir können uns keine Kinder mehr leisten“, „Wo ist unsere Zukunft?“ – die Hauswände von Beirut sind voller grellbunter schreiender Graffitis. Sie geben die Stimmung der Menschen wieder: Das Land steckt in einer massiven Wirtschaftskrise. Hinzu kommen die Folgen der Corona-Pandemie und der großen Explosion im Hafen von Beirut letzten August. Außerdem beherbergt das Land, das in etwa so groß wie Tirol ist, über eine Million Geflüchtete aus Syrien und Palästina, die auf Unterstützung angewiesen sind. 

Existenzängste werden größer

Vom Verkäufer im kleinen Laden an der Ecke bis zu den Patient:innen und Mitarbeiter:innen in den Kliniken von Ärzte ohne Grenzen sind sich alle einig - die alltäglichen Probleme sind kaum noch zu bewältigen: 

Tagelange Stromausfälle

Und ja, die Stromausfälle im Land dauern mittlerweile wirklich stunden-, manchmal tagelang an. Benzin für Generatoren oder Fahrzeuge ist kaum erhältlich. Meine Kolleg:innen auf unserer Geburtenstation in einem öffentlichen Spital berichten mir, dass sie die Essenszeiten der Familien daran angepasst haben, wann es Strom gibt, da sonst die Lebensmittel im Kühlschrank verderben. 

Vieles sei überhaupt nicht oder nur mehr schwer erhältlich. Und das, was es gibt, ist angesichts der heute extrem hohen Preise besonders wertvoll. So verdient ein einfacher Verkäufer etwa 10.000 Libanesische Pfund am Tag – soviel wie ein Laib Brot kostet. 

Team von Ärzte ohne Grenzen in Beirut, Libanon
Patricia Otuka-Karner/MSF
Das Team von Ärzte ohne Grenzen auf der Geburtenstation.

Luxusgut: Medikamente und Verhütungsmittel

Besonders sichtbar werden die Krisen im Gesundheitsbereich: Viele Medikamente sind kaum noch erhältlich. Ein älterer Libanese mit dem ich mich unterhalten habe sagt, dass er mittlerweile nicht einmal mehr Kopfschmerztabletten erhält: „Früher hab ich die an jeder Straßenecke kaufen können aber jetzt. Habibi, das Leben im Libanon heute ist schwer geworden für uns. Ich habe Angst.“ 

In unserer Geburtsklinik in Südbeirut treffe ich weinende Mütter, die selbst zu wenig zu essen haben, um noch Milch für ihre Neugeborenen zu produzieren – und kein Geld haben für Fertigmilch. Michelle, eine Krankenschwester in der Mutter-Kind-Klinik im Flüchtlingslager Burj Al Barajneh im Süden von Beirut, erzählt dass immer mehr Frauen zu ihr kommen, um Familienplanung in Anspruch zu nehmen. Frauen haben Angst, schwanger zu werden, der Bedarf an Verhütungsmitteln steigt enorm. Selbst ihre Freund:innen fragen immer öfter, wohin sie sich wenden können, um kostenlos Zugang zu haben, da sich auch die libanesische Mittelklasse zunehmend weniger leisten kann. 

 

Immer mehr Kinder mit Verbrennungen

Besonders betroffen macht mich auch der Besuch in unserer Gesundheitseinrichtung in Hermel:

Außerdem, so berichtet mir die Klinikmanagerin Joumana, gibt es immer mehr Anzeichen, dass Mangelernährung zunimmt: „Wir haben begonnen die Zahlen zu erheben, um ein genaueres Bild zu bekommen aber ich befürchte schlimmes.“ Auch in unserer Klinik in Arsal zeichnet sich ein ähnliches Bild.

 

Das System bricht zusammen

In den öffentlichen Spitälern müssen die Dienste bereits rationiert und Patient:innen priorisieret werden. Wenn sich nicht bald etwas ändert, könnten Menschen künftig an eigentlich einfach behandelbaren Krankheiten sterben, nur weil Kliniken nicht über Strom, die richtige Ausrüstung, Material oder Personal verfügen. 

Auch wir sind davor nicht gefeit: Aufgrund von 44 Stunden Stromausfall innerhalb von drei Tagen mussten die geplanten Operationen in unserer Klinik in Bar Elias um die Hälfte reduziert werden, um die Generatoren für Notfälle zu schonen. Wo möglich, reagieren unsere Teams auf den sich laufend ändernden Bedarf. 
 

Patientin von Ärzte ohne Grenzen
Patricia Otuka-Karner/MSF
Haawra (ganz rechts) mit ihren Freundinnen.

So berichtet die Mama der kleinen Haawra, die in unserer Klinik in Hermel wegen ihrer Diabetes behandelt wird, dass es immer schwieriger geworden ist, das Insulin für ihre Tochter zu lagern. Es wurde daher die Insulinpen umgestellt und die Zeiträume, in denen sie in die Klinik kommen muss, geändert. Denn auch die Kosten für den Transport sind mittlerweile für die Familie kaum noch erschwinglich. 

„Wo ist unsere Zukunft?“

Auch im Libanon kommt bald der Winter. Wie in der kalten Jahreszeit ohne Treibstoff und Strom geheizt werden soll, das weiß niemand: 

Die Krisen im Libanon wurden von jahrelanger Korruption angetrieben. Was ich hier sehe ist, dass diese genauso effektiv zur Zerstörung eines ganzen Gesundheitssystems beitragen kann, wie Krieg oder Naturkatastrophen. Das politische Vakuum im Land war nicht nur die Ursache dieser Gesundheitskrise, sondern blockierte auch Lösungen dafür. Die Behörden müssen jetzt handeln, um noch schlimmere Folgen für die im Libanon lebenden Menschen zu vermeiden.

Ein Hoffnungszeichen an einer Wand im Libanon
Patricia Otuka-Karner/MSF
Die Menschen im Libanon haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

An einer Wand in Beirut ist in riesigen Buchstaben das Wort „Hoffnung“ gesprayed. Ganz aufgegeben haben die Menschen hier noch nicht und es bleibt abzuwarten, wie schnell die neue Regierung nun in die Gänge kommt.