Florian Lems18.11.2015

Hilfe in Serbien: So nah wie möglich bei den Menschen

2 Kommentare

Ich melde mich aus Serbien, genauer: aus Šid. Die kleine Stadt an der kroatischen Grenze ist zu einem wichtigen Schwerpunkt unserer Hilfe für Flüchtlinge in Serbien geworden, seit sich die Route der Menschen, die nach Deutschland und in andere EU-Länder wollen, verlagert hat.

Šid ist eigentlich eher ein Dorf, rundherum nichts als Felder und Landwirtschaft. Das Land ist hier völlig flach, weit und breit kein einziger Hügel zu sehen. Eher beschaulich also. Wenn man sich dem kleinen Bahnhof nähert merkt man aber, dass diese ländliche Gemeinde sich im Ausnahmezustand befindet. In der Straße, die zum Bahnhof führt, stehen beinahe zu jeder Tageszeit Busse voller Menschen. Sie warten auf den Zug, der sie über die Grenze nach Kroatien bringt. Da der Zug nur eine begrenzte Kapazität hat, müssen die Menschen, die in Bussen aus dem Süden Serbiens ankommen, oft stundenlang warten.

Bis vor Kurzem überquerten die Flüchtlinge hier die Grenze noch zu Fuß, was zu unwürdigen Szenen führte: Ende Oktober saßen hier in einer Regennacht 3.000 Menschen an der Grenze im Schlamm fest, weil Ungarn die Grenze zu Kroatien geschlossen hatte und Slowenien nur 2.500 Flüchtlinge durchreisen lassen wollte. Wer die Menschen auf der Flucht einmal gesehen hat  weiß, was das bedeutet: Unzählige Familien mit Kleinkindern, die bei Kälte und strömendem Regen im Freien übernachten müssen.

Der Grenzübertritt mit dem Zug hat die Lage entschärft;  allerdings müssen die Menschen – ohnehin schon erschöpft von ihrer Flucht – stundenlang warten, bis sie einen Platz im Zug haben. Die meisten Busse parken an der Autobahnraststätte in Adasevci, etwa zehn Kilometer vom Bahnhof entfernt. An manchen Tagen warten hier tausende Menschen; einmal wurden hier 62 Busse gezählt!

Hier hat unser Team eine mobile Klinik eingerichtet, die Tag und Nacht offen hat. Während sie warten, können die Menschen hier medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Die Klinik wurde in einem großen Wohnwagen eingerichtet; medizinisch-humanitäre Hilfe statt Urlaub, ist also das Motto. Der Vorteil am Wohnwagen ist natürlich, dass wir sehr schnell reagieren können, sollte sich die Fluchtroute wieder verlagern. Denn unser Ziel ist es, immer so nah wie möglich bei den Menschen zu sein und zu helfen.

Unter den Wartenden habe ich diese Familie aus Syrien getroffen. Hala, ihr Mann Mahmoud und der kleine Wail stammen aus Homs und sind vor dem Krieg geflohen – wie so viele ihrer Landsleute ebenfalls. Sie sind aufgeschlossen und sprechen sehr gut Englisch; beide haben studiert und wollen jetzt nach Deutschland, wo sie Familie haben. Hala erzählt, dass die Reise sehr anstrengend ist, vor allem für den kleinen Wail: „Wir sind schon seit Tagen unterwegs, und er weint fast die ganze Zeit. Ich bin schon so müde. Er ist krank, hat seit zwei Tagen nichts gegessen und hustet. Deshalb möchte ich ihn hier vom Arzt untersuchen lassen. Er nimmt nur Reis zu sich, aber ich weiß nicht wo ich den für ihn besorgen soll, wir sind ja die ganze Zeit unterwegs. Ich hoffe dass wir Deutschland bald erreichen.“

Plötzlich ist Aufbruchstimmung, innerhalb weniger Minuten fahren die Busse ab. Die Raststation bleibt leer zurück – nur kurze Zeit später kommen die nächsten Busse an.

Da der Winter vor der Tür steht und weil niemand weiß, ob oder wann die nächste Grenze geschlossen wird, müssen Vorbereitungen getroffen werden. Die serbischen Behörden haben zwar Vorkehrungen getroffen, die Unterbringungskapazität ist aber nicht ausreichend; immerhin reisen derzeit täglich zwischen 5.000 und 10.000 Flüchtlinge durch Serbien.

Unser Team in Šid baut deshalb gerade große Zelte auf, damit die Menschen eine Notunterkunft haben, falls sie länger warten müssen. Unser Logistik-Team baut diese Riesenzelte (je 240 m2!) gerade an drei verschiedenen Orten in und um Šid auf. Das wichtigste kommt aber noch: Jetzt müssen die Zelte noch winterfest gemacht werden. Das bedeutet: Isolierung, Spezialboden und zwei Heizsysteme pro Zelt. Eine britische Journalistin hat darüber einen Artikel mit dem Titel "View on Migration" geschrieben, der einen guten Einblick gibt.

Die Zelte werden nicht alle Flüchtlinge beherbergen können und sind auch nur als Notlösung für einige Stunden gedacht. Aber der Winter in Serbien ist kalt, und es ist wichtig dass wir vorbereitet sind.

Jetzt mache ich mich auf den Weg nach Südserbien, wo ich unser zweites Team besuchen werde, das an der mazedonischen Grenze Hilfe leistet. Das nächste Mal melde ich mich von dort.

Kommentare

Dominique Wurst
Ich würde gerne mithelfen, habe leider aber keine medizinische Ausbildung.. Kann man da irgendwas machen? Liebe Grüße
hanna.spegel
Liebe Dominique, vielen Dank für Ihr Kommentar und Ihr Engagement! Ja, wir suchen auch nicht-medizinisches Personal, zum Beispiel SpezialistInnen in den Bereichen Technik & Logistik, aber auch Personal & Administration. Details und alle Voraussetzungen finden Sie in unserem Website-Bereich "Mitarbeit im Einsatz!" Schöne Grüße, Hanna Spegel / Web Team

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