Jakob Krösslhuber02.10.2020

Wieder im Einsatz: Ankunft, Quarantäne und große Pläne

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Der Osttiroler Kinderarzt Jakob Krösslhuber ist nach fünf Jahren wieder auf Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen. In Peschawar ist er auf der Neonatologie tätig und von der tollen Arbeit des Teams vor Ort begeistert.  

Reisen in COVID-19-Zeiten hat etwas sehr Besonderes. Bereits bei der Ankunft am Flughafen fiel auf, dass alle Geschäfte geschlossen waren und ein Café zu finden war nicht die leichteste Aufgabe. Die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter waren vermummt wie in einem Pandemie-Krankenhaus. Auch in Doha, meinem Zwischenstopp, war es eher menschenleer und alle Geschäfte hatten geschlossen.  

Nach zwei Wochen Quarantäne ging es weiter. Das Land ist wesentlich fruchtbarer als ich es mir vorgestellt habe. Die Flüsse, die die Landschaft durchziehen, begrünen die Gegend sehr. Die Reise von Islamabad, einer Stadt mit Hochhäusern, fast europäisch anmutend, hinauf in den Norden, verändert den Eindruck erheblich.  

Bei der Ankunft in Peschawar richtete ich mich in meiner Unterkunft ein, in der ich die nächsten Monate leben werde, und lernte das internationale Team kennen: Nicole aus Großbritannien ist die medizinische Leitung des Krankenhauses, Veronica aus Neuseeland ist für die Administration zuständig, Kate aus Australien begleitet als Hebamme viele Kinder zur Welt und Patric ist der französische Projektleiter. Die Unterkunft besteht aus zwei kleinen Häusern mit einem kleinen Garten in der Mitte, Fitnessgeräten, einem Billardtisch. Ich bin gespannt ob Zeit bleibt, den auch zu benutzen. 

Die ersten Tage im Krankenhaus waren wie erwartet anstrengend. Sehr viele neue Gesichter, Stationen, Abläufe und Strukturen. Somit habe ich die ersten Tage damit verbracht, mir die Arbeit hier anzusehen und vieles zu verstehen. Ich bin aber jetzt schon positiv von der guten Arbeit hier überrascht.

Ein ganz normaler Arbeitstag 

Um acht Uhr werden zuerst alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begrüßt, mit Mundschutz, dafür ohne Händeschütteln. Zuerst erfolgt die tägliche Übergabe des Personals aus dem Nachtdienst an den Tagdienst. Danach eilt man um 8:15 Uhr zur Morgenbesprechung des Krankenhauses. Dort treffen alle Abteilungen aufeinander und besprechen die aktuelle Lage. Und anschließend wieder zurück auf die Neonatologie.
Dann erfolgt die Visite. Hierzu gibt es bereits klare Strukturen: Ausfüllen des „Daily Progress Sheets“, damit Gewicht, Sättigung, Herzfrequenz und sonstige Werte nicht übersehen werden. Danach werden die Patientinnen und Patienten untersucht und gemeinsam ein Plan über die weitere Vorgehensweise erstellt. 

Zuerst wird die ICU (Intensiv Care Unit) visitiert. Hier liegen die kränksten Kinder. Kinder mit hohem Sauerstoffbedarf, Krampfanfällen oder anderen schwereren Erkrankungen. Danach folgt die HDU (High Dependency Unit). Hier befinden sich die Babys mit leichteren Erkrankungen oder weniger Sauerstoffbedarf. Oft liegen Kinder mit Sepsis, welche noch Antibiotika brauchen oder auch kleinere Neugeborene, noch etwas Hilfe beim Stillen benötigen und eine Magensonde haben, hier. 
Es folgt die LDU (Low Dependency Unit), ein Zimmer mit drei Betten für Mütter und ihre neugeborenen Kinder. Das hilft beim Stillen und fördert die Mutter-Kind Bindung. Oft geht es noch um Gewichtszunahme oder die letzten Dosen Antibiotika. Monitorisierung der Neugeborenen gibt es hier keine.
Zuletzt wird noch die „Normalstation“ visitiert. Hier werden Kinder, die grundsätzlich gesund sind untersucht und überwacht. Es werden regelmäßig Blutzucker und Vitalwerte gemessen. Diese Kinder können normalerweise alle nach 24 bis 48 Stunden entlassen werden. Auch die gesunden Neugeborenen liegen mit ihren Müttern hier, diese werden jedoch von den Hebammen untersucht und nur bei Unklarheiten werden Ärztinnen und Ärzte hinzugezogen. Nach einer unkomplizierten Entbindung wird die Mutter mit dem Kind nach sechs Stunden entlassen. Und manche Mütter können sogar das kaum erwarten. Hier machen sich die kleinen, aber feinen kulturellen Unterschiede bemerkbar. 

Dann erfolgt um 13 Uhr das Mittagessen welches mich an Menge und Auswahl überfordert. Aber manche Probleme muss man einfach hinunterschlucken. Der Nachmittag ist für Fortbildung bzw. Büroarbeit reserviert, jedoch gibt es eine erhebliche Anzahl an Meetings hier, die viel Zeit in Anspruch nehmen. 

Von großen Plänen und gelebter Flexibilität 

Bereits ein paar Tage nach meiner Ankunft wurde das Hauptanliegen der Ärztinnen und Pfleger an mich herangetragen: weniger Dokumentation. Es gäbe zu viel Schreibarbeit und Bürokratie und zu wenig Zeit um andere Aufgaben zu erledigen. Auch habe ich gelesen, dass mein Vorgänger neue Formulare zur Bewältigung der täglichen Aufgaben erstellt hatte. Nach näherer Betrachtung erkannte ich auch, dass die Schreibarbeit mehr anstatt weniger wurde mit diesen Formularen. Somit wurden diese überarbeitet und alle Doppelungen und nicht relevante Informationen gestrichen. Andere Neuerungen, wie eine größere Auswahl an Diagnosen, behielten wir. Das zeigt, dass jeder Expat etwas andere Vorstellungen mitbringt. Nach Rücksprache mit den Ärztinnen, den Pflegern, dem Medical Supervisor, dem Medical Referent und dem Medical Activity Manager wurde mein Vorschlag etwas abgeändert validiert. Diese Änderungen gehörten zwar nicht zu meinem ursprünglichen Plan, aber man muss hier flexibel sein. 

Die Neonatologie soll ebenfalls erweitert werden. Die Pläne dafür sah ich bereits in meiner ersten Woche in Quarantäne hier. Ich konnte nicht widerstehen eine Detailplanung auszuarbeiten. Nach mehreren Besprechungen startet dieses Projekt hoffentlich ebenfalls bald. Wenn alles läuft, wie geplant, werden wir mit den gesamten Betten umziehen können. Ich bin schon gespannt, was die kommenden Wochen und Monate bringen und ich werde euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten. 

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