Elfenbeinküste

Elfenbeinküste: Kriegschirurgie in Abidjan

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit Mitte April 2011 in einem Spital in Yopougon in Abidjan. In diesem Viertel gehen die Kämpfe auch nach dem Sturz des Präsidenten Laurent Gbagbo weiter.

Am 18. April, eine Woche nach dem Sturz des Regimes von Laurent Gbagbo, hat Ärzte ohne Grenzen eine chirurgische Abteilung im Spital von Attié in Abidjan eröffnet. Im Zentrum der ivorischen Metropole ist wieder Ruhe eingekehrt. Doch die letzte Bastion der Pro-Gbagbo-Kräfte hat sich im Viertel von Yopougon verschanzt und die Kämpfe fortgesetzt. Innerhalb von drei Tagen hat sich das Ärzte ohne Grenzen-Team im Spital von Attié in diesem dicht bevölkerten Viertel eingerichtet. Wie die meisten Gesundheitseinrichtungen in Abidjan, funktionierte auch dieses Spital praktisch nicht mehr. Wegen der unsicheren Lage war das medizinische Personal der Arbeit ferngeblieben und der Operationstrakt stand still. Das Ärzte ohne Grenzen-Team machte sich also am 18. April an die Arbeit, „um in einem Kriegsgebiet Kriegschirurgie zu leisten“, erklärt Stéphane Reynier de Montlaux, Ärzte ohne Grenzen-Einsatzleiter in Abidjan.

 

Schusswaffen, Schläge, Verbrennungen

 

In der ersten Woche wurden 70 Patienten und Patientinnen aufgenommen, mehrheitlich mit Schussverletzungen am Oberkörper und dem Abdomen oder mit offenen Knochenbrüchen. Im Laufe der Tage kamen auch Schwerverletzte ins Spital, wie etwa ein 22-jähriger junger Mann, der in Lebensgefahr schwebte. Er war am Arm von einer Kugel getroffen worden und hatte sich den Oberarm gebrochen. Doch die Kugel hatte sich noch weiter in seinen Thorax gebohrt und man konnte in der offenen Wunde sein Herz sehen. Jetzt geht es ihm schon wieder besser, er hat großes Glück gehabt.

Im selben Zimmer ist auch eine Frau hospitalisiert. Sie wurde am Bein von einer Kugel getroffen, die sich ebenfalls ins andere Bein gebohrt hatte. „Wir haben die Blutung gestoppt, die Wunde gereinigt und anschließend vernäht“, erklärt Dr. Serge Eric Zabré, Chirurg des Ärzte ohne Grenzen-Teams. Es kommen viele Verletzte durch Feuerwaffen oder Schläge ins Spital, wir sehen aber auch schlimme Verbrennungen. Wenn die Kämpfer die Tankstellen plündern, um ihre Fahrzeuge zu versorgen, kommt es vor, dass der Treibstoff Feuer fängt und Verletzte fordert.

Die verletzten Menschen werden in Schubkarren von Nachbarn oder Verwandten gebracht. Sie wagen es, sich in den Strassen zu bewegen. Oder sie werden von der bewaffneten Miliz in Fahrzeugen gebracht, was zu großen Spannungen auf dem Spitalsareal führt. Die Republikanischen Streitkräfte der Elfenbeinküste (FRCI) des Präsidenten Ouattara setzen ihre Offensive fort und drängen die Milizen Tag für Tag ein bisschen mehr zurück, bis das Viertel von Yopougon vollkommen gesichert ist.

 

Das Leben geht weiter

 

Inzwischen nimmt das Leben wieder seinen gewohnten Lauf, die Bewohner und Bewohnerinnen verstecken sich nicht mehr in ihren Häusern, der Verkehr zirkuliert wieder. „Langsam geht es wieder ein bisschen besser“, sagt ein Ambulanzfahrer, der auch als Sanitäter fungiert. Das Chirurgieprogramm von Ärzte ohne Grenzen entwickelt sich den Bedürfnissen entsprechend weiter. Die postoperative Pflege wird weitergeführt, Ärzte ohne Grenzen kümmert sich aber auch um andere Notfälle, etwa im Bereich Geburtshilfe. Zudem unterstützt das Team die Entbindungsstation, damit diese allmählich wieder in Gang kommt. Geburten sowie die geburtliche Vor- und Nachsorge sind im Spital von Attié wieder gewährleistet.

Auch die ambulanten Sprechstunden sind wieder angelaufen. Beim Empfang warten viele Frauen mit ihren Babys geduldig auf eine Beratung. Während vieler Wochen war der Zugang zu medizinischer Versorgung stillgelegt und die Kranken konnten nicht ins Spital kommen. Nun werden täglich zwischen 80 und 100 Sprechstunden durchgeführt. Unter den Patienten und Patientinnen sind insbesondere Frauen und Kinder, viele leiden an Malaria.

 

Schwieriger Wiederaufbau

 

Um den Bedürfnissen gerecht zu werden, entsendet Ärzte ohne Grenzen weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie Medikamente und medizinisches Material in das Gebiet. Dies ist beim Wiederaufbau eines Gesundheitssystems, das durch Versorgungsengpässe lahm gelegt wurde, entscheidend. Langsam kehrt in Attié wieder die Normalität ein, und das Gesundheitspersonal, das dem Spital während der Krise ferngeblieben war, kommt wieder zur Arbeit.

 

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