Haiti

„Das Ende der Gewalt gegen Frauen beginnt jetzt.”

Ärztin Sara Rigon stammt aus Italien. Sie ist derzeit im Einsatz in Haiti, wo sie in unserer Klinik mit Fokus auf Betroffene von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt in Port au Prince arbeitet. Sie setzt sich für dafür ein, dass alle Menschen auf der Welt Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung haben. In diesem Beitrag schildert sie die Situation für Mädchen und Frauen in Haiti und was zu tun ist, um sexueller Gewalt weltweit ein Ende zu setzen.

Gewalt gegen Frauen wird oft als Privatsache betrachtet. Ein manchmal schlichtweg inexistentes Thema, und immer in der Verantwortung der Frau selbst. Gemäß vieler geltender Sozialnormen passiert es ohnehin nur selten – und wenn, dann ist es ihre Schuld: Was du anziehst, wie du aussiehst, der Zeitpunkt, an dem du draußen unterwegs warst, wie du dich verhältst. Du hast dir das alles selbst zuzuschreiben: Das bist du und du solltest es schließlich besser wissen.

Aber es ist nicht deine Schuld. Und das bist nicht du. Tatsächlich ist Gewalt gegen Frauen eine Frage von Geschlecht und Macht.

Instabilität, Unsicherheit, Ungleichheit.

Ich arbeite derzeit in Haiti, wo Ärzte ohne Grenzen kürzlich eine Klinik eröffnet hat, um Betroffenen von sexueller Gewalt und Missbrauch zu helfen – sowohl mit medizinischer Versorgung als auch psychologischer Unterstützung. Hier existiert diese Gewalt inmitten einer Mischung aus politischer Instabilität, sozialer Unsicherheit und Geschlechterungleichheit.

Nachdem man ein paar Tage hier in der Klinik verbracht und den Geschichten unserer Patientinnen zugehört hat, hat man den Eindruck, dass Frauen hier in Haiti noch nie so richtig sicher waren.

Es gibt keinen sicheren Ort.

Gewalt kann und wird passieren, überall: Auf der Straße, am Markt, Zuhause, in der Schule, bei der Arbeit, bei einem Fußballmatch. Auf dem Weg nach Hause oder zurück von der Kirche, zu einer Freundin oder einem Verwandten.

Es gibt keinen sicheren Ort, keinen „safe place“.

Es kann jemand sein, den du kennst: Dein Freund, dein Ex-Partner, dein Lehrer, dein Cousin, einer deiner Schulkollegen, der Mann deiner Tante oder Schwester, dein Vater oder Stiefvater.

Oder es kann jemand sein, denn du noch nie davor gesehen hast: Ein Mann, der dir anbietet, dich nach Hause zu bringen, weil es finster wird. Ein Dieb, der in dein Zuhause einbricht und nach etwas sucht, das er mitnehmen kann. Ein Bandit oder der Chef einer Gang in deiner Gegend, der Fahrer eines Motortaxis, den du bezahlst, damit er dich rasch nach Hause bringt bevor es dunkel wird. Jemand, der dich mit Anmach-Kommentaren belästigt, die du ignorierst, während du sauberes Trinkwasser holst.

Du kannst wirklich niemandem vertrauen.

Klinik versorgt 1.000 Patientinnen in einem Jahr

In etwas mehr als einem Jahr, seit die Klinik Pran Men’M (was „Nimm meine Hand“ bedeutet) von Ärzte ohne Grenzen in Port au Prince eröffnet wurde, haben wir rund 1.000 Menschen versorgt. Die meisten davon sind Mädchen und Frauen aller Altersgruppen, eine sogar 69 Jahre alt.

Ein hochqualifiziertes Team aus lokalen ÄrztInnen, PsychologInnen und SozialarbeiterInnen arbeitet mit Behörden und Organisationen hier vor Ort zusammen, um Überlebenden zu helfen – auf ihrem Weg zurück Richtung Würde, Vertrauen und einem normalen Leben. Die Folgen sexueller Gewalt können unvorstellbar verheerend sein: Furchtbare Verletzungen, chronische Infektionen wie HIV, ungewollte Schwangerschaften, soziale Stigmatisierung.

Gar nicht zu sprechen vom unsichtbaren Traum: Den Verlust an Würde, Selbstachtung und der Fähigkeit, jemandem zu vertrauen. In Haiti sind junge Mädchen diejenigen, die den höchsten Preis bezahlen – denn ihre Zukunft wird durch einen sexuellen Übergriff beeinträchtigt: Sie laufen Gefahr, von ihrer eigenen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, müssen unter Umständen alleine ein Kind aufziehen, obwohl sie selbst noch eines sind, und haben später definitiv Schwierigkeiten, einen Partner zu finden.

Gegen Diskriminierung und Unterdrückung

Die UN-Deklaration zur Eliminierung der Gewalt gegen Frauen wurde im Jahr 1993 von den Vereinten Nationen in Wien ratifiziert. In dieser Resolution 48/104 (Quelle: un.org) wird die Erkenntnis festgehalten, dass…

„… Gewalt gegen Frauen eine Ausdrucksform der historisch gesehen ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen ist, die zur Beherrschung und Diskriminierung der Frauen durch die Männer geführt und den Frauen volle Chancengerechtigkeit vorenthalten haben, und dass die Anwendung von Gewalt gegen Frauen einer der maßgeblichen sozialen Mechanismen ist, durch den Frauen gezwungen werden, sich dem Mann unterzuordnen.“

Wenn also geschlechtsspezifische Gewalt bei Diskriminierung und anhaltender Ungleichheit zwischen Männern und Frauen beginnt, kann man schwer etwas dagegen sagen, dass Gewalt gegen Frauen einer Pandemie gleich kommt. Es ist auch einfach zu erklären, warum: Es gibt nicht ein einziges Land in der gesamten Welt, wo Frauen den Männern gleichgestellt sind – nicht eines von 196 Ländern.

Es bleibt viel zu tun.

Also: Trotz der UN-Deklaration zur Eliminierung der Gewalt gegen Frauen, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, dem Internationalen Tag der Menschenrechte und dem Internationalen Weltfrauentag bleibt noch viel zu tun.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist nicht unvermeidbar. Prävention ist möglich und notwendig.

Auch wenn kulturelle Veränderungen Zeit brauchen, beginnen sie alle mit einer kleinen, einfachen, und doch revolutionären Tat für Frauen in deiner Familie und auf der ganzen Welt.

Das Ende der Gewalt gegen Frauen beginnt jetzt: Unterstütze Frauen in Haiti in ihrem Kampf für ein freies Leben ohne Missbrauch, HIV und Stigmatisierung. Melde deine Tochter in einem Mathematik-Spezialkurs an. Bitte den Weihnachtsmann, deinem Sohn Küchenspielzeug und Tanzschuhe zu bringen.

Es liegt an uns, die Veränderung zu sein, die wir in der Welt sehen wollen.

Dieser adaptierte Text ist im englischsprachigen Original auf dem internationalen Einsatzblog von Ärzte ohne Grenzen erschienen.

Wir suchen dringend weitere engagierte ÄrztInnen wie Sara für unsere internationalen Hilfseinsätze! Hier mehr erfahren & informieren: Mach mit. Rette Leben.

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