Libyen

„Sintan weiterhin unter Beschuss“

Seit dem 30. April arbeitet ein Ärzte ohne Grenzen-Team im Spital von Sintan, einer Stadt im Westen von Libyen, in der Bergregion Nafusah südwestlich der Hauptstadt Tripolis. Seit einigen Wochen schon ist das Gebiet um Sintan Kampfplatz zwischen Pro-Gaddafi-Truppen und der Opposition, welche diese strategisch wichtige Region umkämpfen. Anfang April kam es deshalb zu Zusammenstößen in der tunesischen Stadt Dehiba, nahe der libyschen Grenze. Mehr als 40.000 Libyer sollen seit Anfang Mai nach Tunesien geflüchtet sein.

In Sintan unterstützt  Ärzte ohne Grenzen das Spital mit medizinischem Material und mit Schulungen des medizinischen Personals. Zudem unterstützt das Team die Intensivstation. Dr. Morten Rostrup, Ärzte ohne Grenzen-Arzt für Intensivmedizin, spricht über die aktuelle Lage und wie Ärzte ohne Grenzen vor Ort medizinische Hilfe leistet.

Welches sind die aktuellen Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen in Sintan?

Das medizinische Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt das Spital zurzeit mit Personal (eine Krankenschwester für die Notfallkoordination und ein Arzt für Intensivmedizin), medizinischer Ausrüstung und Medikamenten. Das Team schult das medizinische Personal und beteiligt sich an der Organisation der Notfallversorgung des Spitals. Seit Anfang Mai sind um die 100 Kriegsverletzte im Spital aufgenommen worden, die bei den Kämpfen zwischen Pro-Gaddafi-Truppen und der Opposition verwundet worden waren. Das Spital behandelt Verletzte beider Kriegsparteien.

Ein erfahrener Kriegschirurg und eine Pflegefachfrau für Intensivmedizin von Ärzte ohne Grenzen werden das Team in den nächsten Tagen zusätzlich verstärken. Der Chirurg wird die Nothilfemassnahmen koordinieren, das medizinische Personal leiten und sich an den Operationen und der Triage beteiligen. Die Pflegefachfrau wird für die Notfallaufnahme verantwortlich sein und zusätzlich den Operationssaal sowie die Intensivstation unterstützen.

Welche Art von Verletzungen sehen sie häufig in diesem Konflikt?

Die meisten Patienten haben Schusswunden oder sind bei Explosionen durch Granatsplitter verletzt worden. Wir hatten auch einige Schwerverletzte mit inneren Blutungen und Organverletzungen. Zudem sehen wir Schusswunden am Brustkorb, Kopfverletzungen und zahlreiche Knochenbrüche durch Schusswaffen.

Können die medizinischen Einrichtungen die Arbeit bewältigen?

Das medizinische Personal kommt zwar zurecht, aber es gibt zu wenige Spezialisten. In den letzten zwei Wochen haben wir mit dem Spitalpersonal zusammengearbeitet, um die grosse Anzahl von Verletzten besser bewältigen zu können. Wir sind gerade daran, die Intensivstation neu zu strukturieren, um den hohen Patientenzahlen gerecht zu werden. Die Ankunft des Kriegschirurgen wird das Notfallkonzept zusätzlich verstärken, das wir bis jetzt auf die Beine gestellt haben.

Wie ist die aktuelle Lage in der Stadt und Umgebung?

Die Lage ist zurzeit ruhig, doch Sintan steht weiterhin unter Beschuss. Viele Familien sind in den letzten zwei Wochen nach Tunesien geflüchtet, andere kommen bereits wieder zurück. In der Stadt gibt es immer noch Menschen, die sich in Höhlen vor den Explosionen in Sicherheit bringen. Es gibt nicht genügend Nahrungsmittel, die meisten Läden sind geschlossen, aber es gibt Wasser und Elektrizität. Wir konnten die Lage ausserhalb der Stadt noch nicht erkunden, aber wir sind besorgt um den fehlenden Zugang zu medizinischer Versorgung in benachbarten Städten.

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