Vernachlässigte Krisen: Abseits der Weltöffentlichkeit

Nicht jede Krise macht Schlagzeilen. Das Leid vieler Menschen, die in Staaten leben, in denen Übergriffe und Not an der Tagesordnung stehen und der Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung unzureichend ist, bleibt für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar.

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen sind in ihren Einsätzen tagtäglich mit den Konsequenzen von vernachlässigten Krisen konfrontiert. Neben der humanitären und medizinischen Hilfe sieht es Ärzte ohne Grenzen als Aufgabe, auf Konflikte und Krisen hinzuweisen, die sich abseits der Weltöffentlichkeit abspielen.

Bangladesch: Diphtherie-Ausbruch abseits der Medienaufmerksamkeit

Krisen werden nicht nur durch Gewalt oder Naturkatastrophen, sondern auch durch ein fehlendes Gesundheitssystem ausgelöst, wie etwa in Bangladesch. Dort behandelten Teams von Ärzte ohne Grenzen 2018 abseits der Medienaufmerksamkeit einen Diphtherie-Ausbruch.

Diphtherie produziert ein Gift, das sich im Körper ausbreitet und bis zum Herzstillstand führen kann. In den meisten Teilen der Welt ist Diphtherie aufgrund steigender Impfraten inzwischen ausgerottet. Da Diphtherie-Ausbrüche weltweit so selten sind, wird das Gegenmittel immer noch aus Pferdeblut hergestellt, welches zu Komplikationen in der Behandlung führen kann.

 

Demokratische Republik Kongo: Krise in der Krise

Die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo sind mit ständigen Vertreibungen durch den herrschenden Konflikt, massiver sexueller Gewalt, immer wieder ausbrechenden Krankheiten und allgemein schlechten Lebensbedingungen konfrontiert. Im Landesteil Nord-Kivu wütet beispielsweise eine kaum unter Kontrolle zu bringende Ebola-Epidemie. Immer wieder werden Behandlungszentren niedergebrannt und die Patientinnen und Patienten müssen flüchten. Impfungen und Behandlungsmethoden befinden sich noch im Versuchsstadium, eine ausgereifte Strategie fehlt. Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen Österreich ist vor Ort. Seine Aufgabe ist es, im aktiven Bürgerkriegsgebiet eine Strategie zu entwickeln, um den Ebola-Ausbruch unter Kontrolle zu bekommen.

Globale Herausforderung: Unsichere Schwangerschaftsabbrüche

In den Projekten auf der ganzen Welt erleben die Teams von Ärzte ohne Grenzen immer wieder, dass Frauen und Mädchen ihr Leben riskieren, um ungewünschte Schwangerschaften zu beenden. „Die Frauen sind oft sehr verzweifelt und sehen keine andere Lösung, als ihre Schwangerschaft zu beenden. Egal, wie hoch die rechtlichen, religiösen oder kulturellen Hürden sind“, erklärt die Medizinanthropologin von Ärzte ohne Grenzen Doris Burtscher. Oft genug sehen sich Frauen und Mädchen gezwungen, zu unsicheren Methoden zu greifen, weil es keine sicheren und legalen Alternativen gibt.

Rund sieben Millionen Frauen und Mädchen werden jedes Jahr aufgrund der Folgen eines unsachgemäßen Abbruchs verletzt in Krankenhäuser eingeliefert, mehr als 22.800 Frauen und Mädchen sterben daran. Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind weltweit einer der fünf Hauptgründe für Müttersterblichkeit. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen bieten Verhütungsmittel an, helfen Frauen mit medizinischer Versorgung nach unsachgemäßen Abbrüchen und ermöglichen sichere Schwangerschaftsabbrüche.

Nigeria und Kamerun: Hinter den Kulissen eines zehnjährigen Konflikts

Im Nordosten von Nigeria wütet seit rund zehn Jahren ein schwerer Konflikt zwischen der bewaffneten Gruppierung Boko Haram und der Armee. Mehr als zwei Millionen Menschen sind in der Region rund um den Tschadsee vertrieben worden. Aufgrund jüngster Gewaltausbrüche sind allein in den ersten Wochen des Jahres neuerlich über 35.000 Menschen in das benachbarte Kamerun geflüchtet, ein informelles Flüchtlingslager entstand. Die meisten Vertriebenen haben ihre Lebensgrundlage und in vielen Fällen auch Familienmitglieder verloren. Viele Menschen sind aufgrund gewalttätiger Übergriffe oft schwer traumatisiert und benötigen umfassenden Schutz und psychosoziale Unterstützung. Zudem gibt es nur wenig Hoffnung auf eine bessere Perspektive. Aufgrund dieser alarmierenden Situation hat Ärzte ohne Grenzen umgehend einen Noteinsatz gestartet, im Camp eine Klinik aufgebaut und innerhalb von 14 Tagen mehr als 400 Behandlungen durchgeführt. Außerdem hat Ärzte ohne Grenzen die Trinkwasserversorgung verbessert.

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