Annemarie Nussbaumer26.08.2019

Als nationale Einkaufsmanagerin in Sierra Leone

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Annemarie Nussbaumer ist gerade von ihrem ersten Einsatz in Sierra Leone zurück. In Freetown sorgte sie sechs Monate als nationale Einkaufsmanagerin dafür, dass die benötigten Materialen pünktlich in unseren Projekten ankommen. Wenn sie an die erlebnisreiche Zeit zurückdenkt, wird ihr immer eines in Erinnerung bleiben: Die ansteckende Lebensfreude der Menschen.

Wie kann medizinisches Personal arbeiten, wenn die technischen Geräte nicht vorhanden sind? Wie erreichen mobile Teams unsere Patientinnen und Patienten, wenn die Fahrzeuge keinen Sprit und keine Ersatzteile haben? Wie kann ein Krankenhaus errichtet werden, wenn die Baumaterialien fehlen? Meine Aufgabe als nationale Einkaufsmanagerin war es, sicherzustellen, dass die benötigen Materialien für unsere Projekte pünktlich und in der geforderten Qualität vorhanden sind.

 

Zu Beginn meines Einsatzes in Freetown war es für mich herausfordernd, langfristige, schlaue Verträge mit nationalen Lieferanten zu gestalten - in einem wirtschaftlichen Umfeld mit einer Inflationsrate von rund 17% und einem Währungsverfall innerhalb von rund 15% pro Jahr. Es war jedes Mal ein Erfolgserlebnis, wenn wir neue Lieferanten gefunden haben, die unseren Anforderungen (Einhalten des Liefertermins, des verhandelten Preis, der vereinbarten Qualität) nachgekommen sind.

On the road: Aufbau des Lieferantennetzwerkes

Mit der Verbesserung der Lieferantenbeziehung und des Marktzugangs hier vor Ort können wir lokale Partnerschaften aufbauen und müssen seltener auf internationale Bestellungen zurückgreifen. Dieser Aspekt an meiner Arbeit gefällt mir besonders, da man durch Auftragsvergaben auch dafür sorgen kann, dass das Geld in die heimische Wirtschaft fließt.

Gemeinsam mit meinen nationalen Arbeitskolleginnen und -Kollegen (Fahrer, Einkäufer) war ich sehr viel unterwegs, um Lieferanten zu besuchen. Denn anstelle von Emails spielte vor allem das persönliche Gespräch eine wichtige Rolle. Wir besuchten große Firmen (gemäß „europäischen“ Vorstellungen), aber auch kleine Verkäufer in Blechhäuschen an der Straße. So ermüdend diese vielen Autofahrten auf den verstopften Straßen von Freetown auch waren, so wertvoll waren diese Zeit mit diesen Menschen für mich, um einen kleinen Einblick und ein besseres Verständnis für Land, Leute und das alltägliche Leben in Sierra Leone zu bekommen.

Land und Leute: Zwischen Nachdenklichkeit und Faszination

Die extreme Armut sowie das Gefälle zwischen Arm und Reich ist tagtäglich sichtbar. Ich hatte die (finanziellen) Möglichkeiten, in Freetown so zu leben, wie es mir von zu Hause vertraut war. Wenn ich zu Mittag das einheimische Essen wähle, zahle ich für eine große Portion z.B. Couscous, mit vier Löffel Bohneneintopf und einem kleinen Fisch rund 70 Cent. Gleichzeitig sitzen mir Einheimische gegenüber und nehmen kein Essen zu sich, weil sie es sich nicht leisten können. Wenn ich in einem internationalen Lokal eine Pizza bestelle, könnten einige nationale Kolleginnen und Kollegen davon 20 Mal Mittag essen. Das sind alltägliche Erlebnisse, die mich sehr nachdenklich stimmen.

Es gibt aber auch viele Dinge, die mich an Sierra Leone faszinieren – z.B. das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen (78% Moslem und 21% Christen). Das Miteinander wird gar nicht diskutiert, da es eine Selbstverständlichkeit ist - wie auch über die jeweils andere Religion und deren Rituale/Sitten informiert zu sein. Ist die Beerdigung des Nachbars, nimmt man an der Trauerfeier teil – in der Kirche oder in der Moschee. Vor einem gemeinsamen Essen beten erst die Anhänger der einen, dann die der anderen Religion. Da kann sich Österreich etwas abschauen.

Emotionaler Abschied

Die Menschen in Sierra Leone, die ich kennen lernen durfte, sind sehr liebenswert und herzlich gewesen. Daher fiel mir der Abschied von ihnen besonders schwer. Am letzten Tag hat sich Alfred, einer der Fahrer, bei mir bedankt, dass ich ihm immer mit einem Lächeln begegnet bin und ein offenes Ohr für ihn hatte – das hat mich sehr bewegt und das kann ich nur so zurückgeben.

Es war wunderbar mitzuerleben, wie in jeglichen Situationen getanzt wurde - als Ausdruck purer Lebensfreude. Diese expressive Ausdrucksart an Emotionen im Vergleich zur österreichischen Kultur war sehr ansteckend für mich und etwas, das ich gerne zurück in Österreich beibehalten möchte.

Mehr zu unserer Hilfe in Sierra Leone erfahren Sie in unserem aktuellem Magazin Diagnose:

Schatten über Sierra Leone

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