Marlene Lassnig 13.05.2020

Das Herz steht still

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„Wenn man in fremde Kulturen und Länder eintaucht, bekommt man wieder einen anderen Fokus, was wirklich wichtig ist. Und dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, sondern viele.“ Marlene Lassnig ist gerade von ihrem ersten Einsatz aus Honduras zurückgekommen. Dort war sie drei Monate als Ärztin in der Geburtsklinik Choloma tätig. Im Gepäck hat sie zwei bewegende Geschichten, die zum Nachdenken anregen.

Schwangerschaftsvorsorge sollte kein Luxus und für jede Frau zugänglich sein. Das Größenwachstum, der Nachweis von Infektionen, die Impfungen, die Verabreichung von Vitaminen und Spurenelementen, sowie die Position des ungeborenen Kindes sind überlebenswichtig – in Honduras jedoch nicht selbstverständlich.

In der Geburtsklinik in Choloma bieten wir daher Geburtshilfe an. Auch andere Bereiche wie Familienplanung, Mutter-Kind-Gesundheit sowie Hilfe nach sexueller Gewalt sind wesentliche Aspekte in unserer Arbeit für Frauen.

In meiner täglichen Arbeit mit den Patientinnen kommt es oft zu Begegnungen, die mich nachhaltig berühren und mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Zwei dieser Geschichten möchte ich mit euch teilen:

Geschichte #1

Ein 17-jähriges Mädchen kommt in die Klinik, weil sie Wehen verspürt. Es ist ihre erste Schwangerschaft und ein unbekannter Schmerz zieht durch ihren Körper. Ich berechne den voraussichtlichen Geburtstermin und bin froh, dass sie die 37. Schwangerschaftswoche erreicht hat, und somit in unserer einfachen Klinik ohne Neonatologie gebären kann. Ihr Bauch ist groß und ich messe ihn ab. Ich versuche den Herzschlag des Babys zu hören, aber es ist still. Die Nachfrage auf kindliche Bewegungen wird verneint. Ein trauriger Verdacht geht mir durch den Kopf. Wir gehen zum Ultraschall. Das Herz steht still. Kein Farbenspiel der Durchblutung lässt sich im Doppler-Ultraschall nachweisen. Mir wird übel und ich hoffe, dass ich es falsch interpretiere. 

Das ungeborene Baby ist tot. 

Die Nachricht nimmt die junge Frau völlig ruhig auf. Ihr Partner schaut verzweifelt. Die Vorstellung ein totes Kind gebären zu müssen, die Wehen zu ertragen mit der Gewissheit, dass kein Leben das Licht der Welt erblicken wird, ist unbegreiflich grausam. 

Hätte dies mit Voruntersuchungen, Beratung und Aufklärung verhindert werden können? 

Geschichte #2

Mit 13 Jahren schwanger zu sein, ist in Choloma nichts Außergewöhnliches. Alternative hat das Mädchen keine, denn Abtreibung ist in Honduras illegal, genauso wie die Pille am Tag danach. 

Unschuldig steht sie da mit ihrem Puppengesicht. Dahinter verbirgt sich eine grausame Geschichte.

Ein Stiefvater, der sie sexuell missbraucht hat. Die Flucht von zu Hause in die Drogenszene. Als Drogenkurierin in die Staaten. Zurück in Choloma schwanger, jedoch nicht von ihrem jetzigen 25-jährigen Freund. In einem so winzigen Körper wird ein Kind wachsen. Der Schmerz bei der Geburt wird traumatisch sein und kann ihr Leben kosten.

Was würdest du ihr wünschen?

Das 13-jährige Mädchen hatte eine natürliche Abtreibung. Ihr Körper war offensichtlich zu jung, um ein Kind auszutragen. 

Glück?

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