Christina Wultsch11.01.2016

Hallo aus Pakistan! Von Kaiserschnitten und dem Kampf gegen Windmühlen...

12 Kommentare

Es ist wieder einmal an der Zeit für ein Lebenszeichen von mir! Die Zeit hier vergeht wie im Flug und kein Tag, an welchem mein Team nicht mit vollstem Elan an die Arbeit geht… und Arbeit haben wir reichlich… es wird also nie langweilig :-)

Ich bin jetzt schon am Ende meines vierten Monats in meinem 6-monatigen Einsatz in Pakistan. In diesem Projekt arbeite als Krankenhaus-Managerin in einem rein auf Mütter fokussierten Projekt mit unserer eigenen kleinen Krippe. Unser Krankenhaus ist inmitten Peshawar, einer 6-Millionen-Menschen Stadt im Nordwesten Pakistans. Unser Team besteht aus insgesamt 150 Personen, 5 davon sind internationale und um die 140 einheimischen Mitarbeitern, angefangen vom Projekt-Koordinator, leitender Krankenschwester, Logistikern, Administrativen, Gynäkologinnen, Anästhesisten, Krankenschwestern, Pflegehelfern, bis hin zu Wachmännern, Fahrern und Reinigungspersonal.

Wir sind fokussiert auf Hochrisikogeburten – wie Mehrlingsgeburten, Steißlagen, Pre-Eklampsie, voll ausgebildeter Eklampsie, Malaria in der Schwangerschaft, Blutungen nach der Geburt bis hin zu einem Gebärmutterriss. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mehrere dieser Patientinnen aufnehmen. Oft erreichen sie unser Krankenhaus leider erst sehr spät und dann heißt es für das gesamte Team wieder einmal erneut um das Überleben dieser Frauen zu kämpfen. Alle Kaiserschnitte sind prinzipiell Notfälle. Glücklicherweise haben wir unsere eigene Neonatologie, eine 18-Betten Einheit, jedoch ohne Beatmungsgeräte. Viele unserer kleinsten Patienten kommen schon in der 30. Schwangerschaftswoche auf die Welt.

Unser Team in der Neugeborenen-Station arbeitet rund um die Uhr daran, den Babys eine bestmögliche Betreuung zu ermöglichen, was sich manchmal leider als Kampf gegen die Windmühlen erweist. Wenn die ersten Lebenstage dann einmal überstanden sind, ist die nächste Hürde oftmals, die Eltern davon zu überzeugen, das ihr neustes Familienmitglied noch einige Wochen bei uns verbringen sollte, damit es schließlich auch ganz ohne Sauerstoff leben und vor allem genug an Gewicht zunehmen kann, um den kalten Winter in Pakistan zu überleben. Das erfordert immer wieder unglaubliche Überredenskünste, denn zu Hause warten nicht selten 7 weitere Kinder, die ihre Eltern brauchen, und Zuhause ist oftmals zum einen mehrere Autostunden entfernt und zum anderen in so abgelegenen Gebieten, dass es dort einfach kein Gesundheitssystem gibt.

Erst vor zwei Wochen konnten wir einen unserer allerkleinsten Patienten in gutem Zustand wieder nach Hause entlassen, nachdem sie die ersten vier Wochen ihres Lebens in unserem Spital verbracht hatte. Ihre Mutter kam im November in unsere Notaufnahme. Zu diesem Zeitpunkt war sie mit zwei Zwillingmädchen in der 34. Woche schwanger. Sie wurde mit seit Stunden bestehenden Blutungen von einem unserer Ärzte ohne Grenzen-Projekte nahe der Grenze (leider ohne Kreißsaal, Operationssaal und Gynäkologin) zu uns überstellt. Nachdem sie die 6,5 Stunden-Fahrt mit der Ambulanz überlebt hatte, erreichte sie unsere Notaufnahme in sehr kritischem Zustand. Die Diagnose war schnell gestellt: Plazentaabruptio, eine vorzeitige Ablösung der Plazenta. Dies war ihre 6. Schwangerschaft und sie hatte bereits zwei Kaiserschnitte hinter sich.

Der erste Zwilling war in Querlage und hatte schon bei der Ankunft eine sehr verlangsamte Herzfrequenz. Nun hieß es schnell handeln: Notfalls-Kaiserschnitt. Für das erste Mädchen kam jede Hilfe zu spät. Auch all unsere Reanimationsversuche konnten ihre kleinen Lungen nicht dazu animieren, von selbst weiter zu atmen.

Das zweite Zwillingsmädchen brauchte zwei Minuten lang unsere Hilfe zu atmen, doch dann war sie bereit es auch selbst zu tun. Die Mutter war schnell wieder stabilisiert und konnte schon nach sechs Tagen von unserer Bettenstation entlassen werden. Das kleine Mädchen entschloss sich aber dazu, es uns doch nicht ganz so einfach zu machen und entwickelte am zweiten Lebenstag Krampfanfälle. Die folgenden Tage waren sehr kritisch. Sie reagierte schlecht auf die Behandlung und zeigte immer mehr das Bild einer Blutvergiftung. Unsere Sorgen bestätigten sich, als wir das Ergebnis der Lumbalpunktion erhielten: Meningitis, also Hirnhautentzündung. Nun hieß es: Antibiotika und Zuwarten. Entgegen allem Erwarten schlugen die Medikamente gut an und unsere kleine Patientin kämpfte unabdingbar um ihr junges Leben. Die Eltern waren unglaublich geduldig und gaben uns all die Zeit für die Behandlung, die nötig war. Zuhause warteten weitere vier Kinder auf sie, aber die ganze Familie half zusammen und die Großmütter kümmerten sich um die Kleinen daheim.

Vor zwei Wochen konnte wir das überlebende kleine Zwillingsmädchen mit stolzen 2,8kg und soweit keiner neurologischen Beeinträchtigung nach Hause entlassen. Den Eltern konnten wir noch das Versprechen abringen, wöchentlich zur Gewichtskontrolle in unserem Projekt nahe ihrem Zuhause zu gehen.

Die Tage hier bringen oftmals unzählige kleine Erfolge, doch genauso oft stoßen wir schnell auch wieder an die Grenzen des Machbaren! Ich lerne jeden einzelnen Tag neue Lektionen und bin immer wieder beeindruckt, wie stark die Menschen in diesem Land sind. Seit Oktober hatten wir auch zwei Erdbeben hier. Das zweite erst am 25. Dezember. Viele Menschen im Nordwesten von Pakistan und Afghanistan haben ihr Zuhause, Familienmitglieder und Freunde verloren.

In unserem Krankenhaus wurde niemanden verletzt. Auch unsere Gebäude haben den Erdbeben Stand gehalten, auch wenn es Schäden gibt, die so schnell wie möglich behoben werden müssen, denn wir können immer wieder mit dem nächsten Einschreiten der Natur rechnen.

Ihr seht also schon, es wird hier nie langweilig! :-)

Alles Liebe,
Christina

Kommentare

Sarah
Einfach nur schön dass es euch gibt!
Mary
Alles Liebe an euch Ihr sind Engel auf Erden :-)
Roswitha Göth
Danke!
Malte
Ich bin stolz auf dich. Machst du gut. Und Pass auf unsere Kollegen auf. Auf ein baldiges wiedersehen.
Christina
Hallo Malte! Danke für deine liebe Nachricht! Ja, wir arbeiten wie immer in vollem Maße und versuchen das Maximum aus unserer Zeit zu machen! Und ja, passe gut auf alle auf :-) ! Alles Liebe und bis bald! Christina
Christina
Liebe Christina! Ich schicke dir die besten Wünsche! So schön, dass du das machst! Echt Wahnsinn! Freu mich auf ein Wiedersehen! Deine alte Schulfreundin Christina
Christina
Liebe Christina! Danke für deine lieben Wünsche! Mein Team wird sich freuen über so unterstützende Worte von daheim! Alles Liebe und bis schon sehr bald! Christina
Elli
Maaaa Pipi, ich bin tief beeindruckt ❤️!! Wenn man deine Zeilen liest, kann man echt nur DANKE sagen, wenn man ein gesundes Baby zur Welt bringt!!! Schön, dass du dich so einsetzt!! Alles Gute noch und bis hoffentlich bald!! Bussi, Elli
Mel
Shukria! :)
Dorian
Super! Habe gerade dein Foto in der Nachricht von MSF gesehen, und freuen uns dich glücklich in Pakistan zu sehen! Greetz aus Sierra Leone! (Teresa & Dorian aus dem Tropenkurs HH)
M A G G I E
Liebe Christina! Habe durch Zufall deinen Blog gelesen und wusste sofort um welche Christina es sich handelt. Also bist du bei deiner Lieblingsbeschäftigung den Säuglingen, sowie in Hangu im letzten Jahr, gelandet. Auch hast du mit Malte Kontakt6 wie ich lesen konnte. Das ist das Schöne bei MSF, dass alle sich immerwieder sehen und in Kontakt sind, jung und alt. Ich sehe, dass es dir gut geht und du zufrieden bist mit deiner Arbeit als Krankenhaus-Managerin. Gönne dir aber auch Ruhe und Erholung, damit du weiterhin so aktiv sein kannst. Ich weiß noch nicht wo ich heuer sein werde, doch wir werden sicher irgendwie, irgendwann voneinander hören. Toi, toi, toi M A G G I E (Anästhesistin aus Hangu)
Hermann
Liebe Christina! Ein Einsatz so wie Deiner als Medizinerin in einem fremden Lande ist unter Einbeziehung aller Begleitumstände wahrlich beachtenswert. Ich kenne Pakistan und vor allem den Norden von Pakistan bis nach Chitral hinein schon sehr gut, da meine Einsatzstelle sich zwischen Timergara und Chitral befindet und mit dem Auto nur ein paar Stunden von Peshawar entfernt ist. Es wäre schön, einmal zu einem gemütlichen Gedankenaustausch zusammenzukommen, sollten nicht die Sicherheitsbehörden einen Strich durch die Rechnung machen und die freie Bewegung unterbinden. Herzlichste Grüße und hoffentlich eine freien Sonntag wünscht Dir ein Kärntner von seiner Dienststelle im Norden des Landes der versteckten Schönheiten! Ich freue mich über Deine Nachricht. Danke dafür! Hermann

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