Heinz Wegerer08.03.2021

Logistik im Krisengebiet: Flexibilität ist Alles!

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Wie werden Medikamente eigentlich an Gesundheitseinrichtungen verteilt? Was, wenn der Bedarf steigt und die medizinische Ausrüstung in einem Krankenhaus aufgestockt werden muss? Funktioniert das im Krisengebiet anders als bei uns? Einer, der das alles weiß, ist Heinz Wegerer. Hier beschreibt der Logistik-Experte einen ganz normalen Arbeitstag im Einsatz - mit allen Herausforderungen und unvorhersehbaren Zwischenfällen.

Brandaktuell: Heinz Wegerer berichtet am 17.3.2020 um 18:00 Uhr live von seiner Arbeit im Jemen. Jetzt anmelden!

Nach Einsätzen im Irak 2018 und der Zentralafrikanischen Republik 2019 bin ich im November 2020 im Jemen gelandet. Als Supply-Coordinator kümmere ich mich hier um die Versorgung unserer Kliniken und Gesundheitseinrichtungen mit Medikamenten, medizinischer Ausrüstung, Hilfsgütern und allen weiteren Materialien, die für die Betreuung unserer Patientinnen und Patienten notwendig sind.

Meine Einsätze in Krisengebiete haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, in komplexen und unübersichtlichen Situationen den Überblick zu behalten, sich nicht im Detail zu verlieren und die Prioritäten genau zu kennen. 

Flexibilität - ein dehnbarer Begriff 

Zu Hause in Österreich habe ich Supply Chain Management studiert und konnte in meiner mehrjährigen Laufbahn als Projektmanager im Logistikconsulting vielseitige Einblicke in europäische Industrie- und Handelsunternehmen bekommen. In dieser Branche wird gerne das Wort Flexibilität benutzt, weshalb ich der Meinung war zu wissen, was es heißt, flexibel und agil zu handeln.

Meine Einsätze mit Ärzte ohne Grenzen haben diesen Begriff für mich jedoch neu definiert. Wie man sich meine Tätigkeit als Logistikmanager in Krisengebieten vorstellen kann, möchte ich anhand eines exemplarischen Einsatztages zeigen. Eine Mischung aus Situationen, wie ich sie in all meinen Einsätzen erlebt habe.

Priorisieren!

Üblicherweise startet mein Tag mit einem kurzen Meeting, um gemeinsam mit meinem Team auf dem gleichen Stand zu sein und vor allem, um Prioritäten zu setzen. Das ist übrigens eines der wichtigsten Dinge, die ich in meinen Einsätzen lernen durfte: Priorisieren.

Die Rahmenbedingungen, die wir in den meisten unserer Einsatzländer vorfinden, können stark abgeschwächt als „nicht ideal“ bezeichnet werden. In meinen Tätigkeiten in Österreich war ich es gewohnt, immer „alles im Griff“ und bis ins kleinste Detail „volle Kontrolle“ über meine Projekte zu haben. Meine Einsätze in Krisengebiete haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, in komplexen und unübersichtlichen Situationen den Überblick zu behalten, sich nicht im Detail zu verlieren und die Prioritäten genau zu kennen. 

Temporärer Arbeitsort und Heimat  

Nach diesem gemeinsamen Morgenmeeting stürzen sich meine Kolleginnen und Kollegen in das „Daily Business“. Die Supply-Teams bestehen üblicherweise aus Transportmanagerinnen, Einkäufern und Expertinnen für Warenwirtschaft und Lagerhaltung. Als internationaler Einsatzmitarbeiter ist man im Regelfall mit der Leitung dieser Teams betraut. In dieser Rolle sind viel Feingefühl und interkulturelle Kompetenz gefragt. In unseren Projekten arbeiten Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen und stammen entweder aus dem Projektland oder sind internationale Fachkräfte. Dieses multikulturelle Umfeld ist eine unglaubliche Bereicherung und sorgt Tag für Tag für unerwartete und spannende Situationen.

In Krisengebieten kommt ein weiterer Faktor hinzu: die multiplen Krisen, die viele unserer Einsatzländer seit Jahren erschüttern, machen auch vor unseren Kolleginnen und Kollegen nicht Halt. Für sie ist dieser herausfordernde Kontext nicht nur temporärer Arbeitsort, sondern Heimat.

Als Führungskraft ist es vor diesem Hintergrund deshalb besonders wichtig, in Bezug auf individuelle Leistungsansprüche eine vernünftige Balance zu finden und ein gutes Maß an Empathie und Verständnis aufzubringen.

Heute wird ein LKW beladen 

Höchste Priorität meines exemplarischen Einsatztages hat die Beladung eines LKWs, welcher elektrische Ausrüstung und Baumaterialien zur Renovierung eines ruralen Krankenhauses von der Hauptstadt in das Projektgebiet transportieren soll. In vielen unserer Einsatzländer wird die Verteilung der Güter in der Hauptstadt koordiniert. Diese stellt das Drehkreuz zwischen internationalen und nationalen Lieferanten, den Logistik-Hubs von Ärzte ohne Grenzen und den Projekten dar. Die Vorbereitungen für diesen Transport starteten bereits vor mehreren Wochen.

In Kriegsgebieten können Waren- und Personentransporte oft nur unter strengen Auflagen durchgeführt werden und sind meist mit viel Bürokratismus verbunden. So warten wir auch aktuell noch auf die behördliche Bewilligung unseres Transports und hoffen, dass diese rechtzeitig erteilt wird. Unser Lager-Team hat bereits alle Materialien für die Verladung vorbereitet und unser Transportmanager mit dem Frächter eine Beladung am späten Nachmittag vereinbart.

Lediglich die dringend benötigten neuen Schutzschalter konnten nicht geliefert werden – sie sind schlichtweg am Markt aktuell nicht verfügbar. Hierfür werden wir gemeinsam mit unseren Technikerinnen und Technikern eine anderweitige Lösung finden und Kreativität beweisen müssen. 

Von fehlenden Bewilligungen und Treibstofflieferengpässen  

Während wir auf den LKW warten, der um 14:00 Uhr zur Beladung erscheinen soll, freue ich mich, denn abgesehen von den behördlichen Bewilligungen scheint alles nach Plan zu laufen. Wir bereiten noch die letzten Transportdokumente vor und müssen diese später nur noch per E-Mail an unsere Kolleginnen und Kollegen im Projekt senden.

In der Zwischenzeit ist es 16:00 Uhr und von dem bestellten LKW ist noch weit und breit keine Spur. Wir können den Fahrer schließlich telefonisch erreichen – die Beschaffung von Treibstoff hat ihn mehr Zeit gekostet als gedacht. Krisengebiete können immer wieder von Treibstoffengpässen betroffen sein, was zu kilometerlangen Warteschlangen an den Tankstellen führt. Mit reichlich Verspätung trifft der LKW schließlich um 17:00 Uhr zur Beladung ein. Der LKW-Fahrer erklärt uns nochmal die Problematik und entschuldigt sich für die Verspätung. Wir können seine Argumentation durchaus nachvollziehen und zudem ist es jetzt wichtig nach vorne zu blicken - nun ist Lösungsorientierung gefragt.

Die Bewilligung, die wir eigentlich schon gestern Abend erhalten haben sollten, lässt immer noch auf sich warten. Keine Bewilligung bedeutet kein Transport – nächste Möglichkeit in einer Woche. Das würde die dringend benötigte Renovierung und Wiedereröffnung des ruralen Krankenhauses verzögern. 

Obwohl wir wissen, dass dieser Transport quer durch ein Kriegsgebiet viele Überraschungen bereithalten wird, sind wir optimistisch.

Es ist nun 18:00 Uhr und der LKW ist beladen, die Transportdokumente finalisiert und per Email am Weg in das Projekt. – oder auch nicht, denn leider funktioniert das Internet im Moment nicht. Also geben wir unseren Kolleginnen und Kollegen die Informationen ausnahmsweise telefonisch weiter. Bewilligung für den Transport haben wir immer noch keine.

Im schlimmsten Fall würde das bedeuten, dass wir den LKW morgen Früh wieder entladen müssen. Da wir für heute sowieso nichts mehr machen können, schicke ich mein Team nach Hause. 

Plan A, B und C 

Zurück im Wohnhaus beschäftigt mich das Thema weiterhin. Meine Kolleginnen und Kollegen vom medizinischen Team schildern immer wieder die unglaublich hohen Patientenzahlen und ich weiß, dass die Wiedereröffnung des Krankenhauses drängt. Ohne Strom ist kein Betrieb möglich – die elektrischen Materialien sind also bitter nötig.

Meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Supply-Team haben deshalb heute schon einen Plan B und einen Plan C ausgearbeitet. Selbst beim Workout am Laufband drehen sich meine Gedanken darum, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Meine Kolleginnen haben alternativ vorgeschlagen, nochmal die Möglichkeiten im Projektgebiet zu prüfen, um zumindest die wichtigsten Materialien vor Ort zu kaufen. Bei der letzten Marktforschung vor wenigen Wochen mussten wir jedoch feststellen, dass der Großteil der Materialien in diesem und umliegenden Dörfern gar nicht oder nicht in ausreichender Qualität verfügbar waren – deshalb auch der „Plan A“ sie über die Hauptstadt zu beziehen.

Ich spiele im Kopf nochmal alle Risiken und Chancen der verschiedenen Pläne durch, bevor ich dann versuche abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen.

Es ist mittlerweile 20 Uhr und ich freue mich auf das Abendessen. Ich wohne gemeinsam mit den anderen internationalen Einsatzkräften unter einem Dach. Wir haben vereinbart, abends nicht über die Arbeit zu sprechen. Angesichts des Drucks, den wir alle tagtäglich ausgeliefert sind, ist ein gesunder Ausgleich wichtig. Wir können zwar hier im Einsatz nicht von „Work-Life-Balance“ sprechen, versuchen aber dennoch uns als Team bestmöglich abzulenken und uns gegenseitig aufzubauen.

Heute Abend steht „Movie Night“ am Programm – ich bin jedoch zu geschafft und schlafe nach dem Vorspann ein. 

Der LKW macht sich auf den Weg 

Am nächsten Morgen dann die große Erleichterung: die Bewilligung wurde in letzter Minute doch noch ausgestellt und der LKW kann die mehrstündige Reise in das Projekt antreten.

Wenn alles nach Plan läuft, dann werden unsere Kolleginnen und Kollegen die dringend benötigten Materialien am Nachmittag entgegennehmen können. Obwohl wir wissen, dass dieser Transport quer durch ein Kriegsgebiet viele Überraschungen bereithalten wird, sind wir optimistisch.

Wir haben alles in unserer Macht stehende getan - jetzt heißt es Daumendrücken und hoffen, dass alles gut gehen wird und möglichst bald noch mehr Patientinnen und Patienten versorgt werden können. Inshallah (= arabische Redewendung, bedeutet "So Gott will"). 

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