Madeleine Auer22.06.2015

Zeichnungen gegen das Leid

0 Kommentare

Die Wiener Krankenschwester Madeleine Auer war mit Ärzte ohne Grenzen bereits zwei Mal im Einsatz im Südsudan. In einer „Email aus dem Einsatz“ erzählt sie von der Geschichte eines kleinen Jungen, den sie in Malakal kennenlernte. Aufgrund der anhaltenden Gewalt suchen dort zahlreiche Vertriebene Schutz in einem Lager der Vereinten Nationen, wo unsere Teams ein Krankenhaus betreiben. Neben der medizinischen Versorgung spielt auch die psychosoziale Betreuung eine wichtige Rolle, um den Menschen im Umgang mit der Gewalt und ihren schwierigen Erlebnissen zu helfen.

Der Südsudan ist das jüngste Land der Welt – 2011 wurde der Staat unabhängig. Doch der Konflikt hat sich nicht beruhigt, im Dezember 2013 ist die Gewalt erneut eskaliert. Durch die wiederkehrenden Kämpfe flüchteten viele Bewohner aus betroffenen Gegenden rund um Malakal in ein Lager der Vereinten Nationen (UN), um sich dort in Sicherheit zu bringen. Einige dieser Familien mussten tagelang zu Fuß gehen, um ihr Ziel zu erreichen. Dementsprechend war auch der Zustand der schwächsten und jüngsten Mitglieder.

Auf dem Gelände des UN-Lagers betreibt Ärzte ohne Grenzen ein Krankenhaus, um für die Menschen vor Ort medizinische Versorgung bereitzustellen. In diesem Krankenhaus war während meines Einsatzes einmal ein kleiner Junge. Er war deshalb bei uns, weil sein kleiner Bruder in unserem Krankenhaus behandelt wurde, der aufgrund seiner Mangelernährung unter Komplikationen litt.

Der kleine Junge hatte oft Langeweile. Er war auch nicht das einzige Kind, das wegen eines Familienmitgliedes im Spital war.

Um diese quirligen Kinder vom Herumlaufen während des täglichen Betriebes im Krankenhausalltag abzuhalten und ein kleines Lächeln auf ihre Gesichter zu zaubern, organisierte ich Kreiden, Papier und eine Matte, auf denen sie spielen und malen konnten.

Im Regelfall koordinierte unser psychologisches Team vor Ort solche Aktivitäten. Nur wenn diese Kollegen nicht da waren, habe ich mich um die Organisation gekümmert, also eher in Ausnahmefällen.

Ich liebte jedenfalls die Auseinandersetzung mit den Kindern und versuchte, so oft es mir möglich war, trotz der sprachlichen Barriere mit ihnen zu spielen und sie zum Lachen zu bringen. Immer wieder kamen sie zu mir und brachten mir ihre Bilder, die sie mir mit großer Freude schenkten.

Eines Tages gab mir der 8 Jahre alte Palek* einen ganzen Stoß mit Bildern – ich freute mich riesig!

Als ich jedoch die einzelnen Zeichnungen durchsah, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Offensichtlich hatte er die Kämpfe der letzten 17 Monate sehr intensiv miterlebt und auf Papier gebracht. Mit schwarzer Kreide kann man sehr genau erkennen, welches Leid dieser Junge ansehen musste. Schießende Helikopter und Panzer, traurige und tote Menschen...

Alleine der Gedanke, dass ein so junges Menschenleben bereits solche Erfahrungen machen musste und grausame Bilder in seinem Kopf hat, stimmt mich traurig und betrübt – und er ist einer von vielen!

Derzeit ist die Zukunft vieler Südsudanesen sehr ungewiss. Trotz ständiger Friedensverhandlungen kommt dieses Land nicht zu Ruhe und ist durch wiederkehrende Kämpfe instabil und zerrüttet. Ich bin froh, dass ich Palek zumindest ein paar frohe Momente schenken durfte und er das Lachen zum Glück noch nicht verlernt hat!

*Name geändert

Kommentar verfassen

* Diese Angabe wird benötigt.

Teilen

Vervielfältigen