Ursula Wagner01.12.2014

Dorfgeschichten

1 Kommentar

Wie in meinem letzten Blogpost erzählt, arbeite ich mit meinem neuen Team zwei Wochen an einer Studie mit, um mehr über traditionelle Praktiken während und nach Schwangerschaft und Geburt zu erfahren. Nach zwei Tagen Trainings zu qualitativen Methoden fahren wir, wie es die Sicherheitsregeln vorsehen, im Zweier-Konvoi in eines der Dörfer, um die ersten Erhebungen zu machen.

Wir sind früh aufgebrochen, da die Leute vom Dorf am Nachmittag mit der Ernte beschäftigt sein werden. Geduldig warten wir im Schatten der Bäume darauf, bis der Dorfvorsteher und weitere Männer eintrudeln.


Dorfvorsteher Ngamay mit Männern und einem Outreach-Krankenpfleger (c) Ursula Wagner/MSF

Nach einer ausführlichen Begrüßungsrunde, bei der grüner Tee gereicht wird, gesellen sich langsam die Frauen interessiert zu uns. Ich kann mich an ihren farben-prächtigen Tüchern kaum satt sehen. Fünf Meter Stoff werden um Körper und Kopf gewickelt und schützen vor der unbarmherzigen Sonne. In zwei getrennten Gruppen lassen wir Frauen und Männer über Schwangerschaft, Geburt und Säuglingspflege diskutieren und machen Interviews mit den traditionellen Hebammen, dem Marabout (einem islamischen spirituellen Gelehrten) und einem traditionellen Heiler.


"Ngamay", eine Gruppendiskussion mit Frauen, geleitet von Zamzam (rechts) von unserem Team für Gesundheitsaufklärung (c) Ursula Wagner/MSF

Wir befragen auch Mütter, auf welche Ressourcen und welches Wissen sie während Schwangerschaft und Geburt zurückgreifen können, wo sie Unterstützung erfahren und woran es mangelt. Wir hören, unter welch schwierigen Bedingungen die Menschen leben, wie Wasserknappheit, Armut und große Entfernungen zu Unterernährung, Fehlgeburten und Tod führen. Wie mit der Heirat schlagartig das unbeschwerte Leben eines Mädchens unter der Obhut der eigenen Mutter vorbei ist. Wie die Männer ihre Frauen mit den Kindern allein im Dorf zurücklassen, um in der Stadt zu arbeiten.

Am Weg zurück nach Am Timan nehmen wir eine schwerkranke Frau die 15 Kilometer ins nächste Gesundheitszentrum mit. Sie ist völlig dehydriert und übergibt sich mehrmals. Etwas ängstlich rücke ich beiseite und frage mich gleichzeitig, was mit der Kranken wohl passiert wäre, wären wir nicht heute in dieses Dorf gekommen. Denn allein der Transport auf dem Motorrad hätte gut 10 Dollar gekostet und gehend hätte es die Frau nicht geschafft. Eigentlich hätte sie ins Spital gehört, aber da will sie nicht hin, so weit weg von ihrer Familie.

Auch in den nächsten beiden Dörfern werden wir mit viel Wohlwollen begrüßt und können uns trotz Erntezeit vor Freiwilligen, die an den Diskussionen und Interviews teilnehmen wollen, kaum erwehren. Es ist schön zu sehen, wie Ärzte ohne Grenzen hier das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen hat und eine für mich unerwartet offene Gesprächsatmosphäre über Frauenthemen möglich ist.


"Amanasiss", eine Gruppendiskussion mit Männern - auf dem Bild sind zu sehen sind Ismail (von unserem Aufklärungs-Team), Jean-Claude (Krankenpfleger), Abdoulaye (Übersetzer) und Turid (Forscherin) (c) Ursula Wagner/MSF

Für mich besonders interessant ist, auf welche medizinischen Ressourcen die Menschen hier zurückgreifen. Viele Krankheiten behandelt der Marabout mithilfe von Amuletten, Medikamente werden bei den fahrenden Händlern ohne entsprechende Ausbildung, dem so genannten „Dr. Shoukou“, erworben.


Eine Hebamme zeigt, wie sie das Kind auffängt (c) Ursula Wagner/MSF


"Siheba", eine Gruppendiskussion mit Frauen - rechts sitzen Turid und ich (c) Ursula Wagner/MSF

So freudig mein Anthropologinnenherz über die inspirierende Arbeit inmitten dieser Menschen ist, so bedrückend sind jedoch die wiederkehrenden Plädoyers am Ende unserer Fragenrunden: Almi! Wasser!, hören wir immer wieder. Es fehle vor allem an einem funktionierenden Brunnen, an einer Schule und einem Gesundheitszentrum im Dorf. Wir antworten, dass wir als medizinische Organisation keine Brunnen und Schulen bauen, aber die Anliegen an entsprechende Stellen weiterleiten können. Wir haben zudem nicht die Ressourcen, um in jedem einzelnen Dorf die fehlende staatliche Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Daher ist es die Aufgabe meines Teams, die Leute vermehrt zum Besuch im nächst gelegenen Gesundheitszentrum, das vom Outreach-Team von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird, zu bewegen und die Hemmschwellen und Ängste davor abzubauen.


Ärzte ohne Grenzen arbeitet in Am Timan in einer integralen Strategie gemeinsam dem tschadischen Gesundheitsministerium und unterstützt die Services im Krankenhaus von Am Timan (insbesondere in der Geburtshilfe und Pädiatrie) sowie derzeit drei Gesundheitszentren in der Umgebung von Am Timan.

Bisherige Beiträge von Ursula Wagner lesen:
Bienvenue à Am Timan
Gedanken am Weg ins Projekt

Kommentare

sjaak van der geest
good to read about your work Ursula!

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