Syrien

Arbeiten im Untergrund: Unterstützung für syrische ÄrztInnen in Konfliktgebieten

Nach vier Jahren ist der Krieg in Syrien weiterhin so heftig wie eh und je. Der Bedarf an medizinischer Nothilfe wird von Tag zu Tag dringlicher. Doch für Ärzte ohne Grenzen ist es in den meisten Gebieten des Landes unmöglich, direkt vor Ort Nothilfe zu leisten – aufgrund der fragmentierten und sich verlagernden Frontlinien, dem enormen Sicherheitsrisiko und den systematischen Blockaden gegenüber internationaler Hilfe. Doch die Bedürfnisse sind massiv und wachsen weiter, deshalb arbeitet die Organisation mit syrischen medizinischen Teams, die vor Ort geblieben sind. Sie operieren Verwundete, begleiten Geburten und versorgen Kranke, die in einem kritischen Zustand sind.

Während der vergangenen drei Jahre hat Ärzte ohne Grenzen ein Programm entwickelt, um auf breiter Basis Gesundheitseinrichtungen zu unterstützen, die im Untergrund oder behelfsmäßig arbeiten müssen. Mehr als 100 Einrichtungen werden so unterstützt, sowohl in den Gebieten unter der Kontrolle der Regierungstruppen als auch jenen der Opposition. In all diesen Regionen können keine Teams von Ärzte ohne Grenzen selbst physisch anwesend sein. Das Programm konzentriert sich verstärkt auf belagerte Gebiete, wo nur wenig oder keine internationale Hilfe die medizinischen Teams erreicht.

Der mangelnde Zugang zu belagerten und bombardierten Gebieten wie Ghouta und Teile von Homs und Derra hat zu unbeschreiblichem Leid geführt. Die militärische Taktik der Belagerung ganzer Gemeinden lässt medizinische Teams damit kämpfen, jegliche Art medizinischer Aktivitäten aufrecht zu erhalten. Ihnen gehen laufend lebenswichtige Medikamente und medizinische Bedarfsmittel aus.

350.000 Menschen belagert – kaum Material und Medikamente

Im nördlichen Homs beispielsweise werden geschätzt rund 350.000 Menschen seit mehr als einem Jahr belagert. Ärzte ohne Grenzen unterstützt acht Feldspitäler und drei Gesundheitsposten im Norden von Homs. Medizinische Hilfsgüter können nur auf einer gefährlichen Reise über unsichere Routen nach Homs gelangen. Auf dieser Strecke sind überall Checkpoints, wo ein hohes Risiko von Todesfällen, Verhaftungen und der Konfiszierung des Materials besteht.

Selbst wenn die betreffenden Güter verfügbar sind, wollen viele Händler das Risiko nicht eingehen, Material wie Mullbinden oder chirurgische Fäden zu verkaufen, wenn es in den Norden von Homs geliefert wird. Mullbinden gelten als Synonym für Kriegschirurgie, und ein Händler will nicht das Risiko einer Verhaftung oder Schließung seines Geschäfts eingehen, wenn er belagertes Gebiet beliefert. „Sie sind kostbar, gefährlich und belastend. Es gibt geheime Stellen, wo wir Mullbinden bekommen können“, so ein Arzt in Homs, der von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird.

Überwiesene Patienten kommen nicht mehr zurück

Die Feldspitäler bieten eine Vielzahl an medizinischen Leistungen, jedoch mit drastischen Engpässen an Ausrüstung und Personal. Die medizinische Hilfe essenziell für tausende Zivilisten und Zivilistinnen, die eingeschlossen sind. „Wir haben kranke Kinder und Schwangere in das Nationalkrankenhaus in Homs überwiesen. Doch viele unserer Patienten kamen nie wieder zurück, daher haben wir die Überweisungen wieder eingestellt“, so ein weiterer Arzt in Homs.

Fast alle Feldspitäler, die Ärzte ohne Grenzen in Homs und anderen Gebieten in Syrien unterstützt, wurden bei Luftangriffen und Bombardements beschädigt. „Wir arbeiten wortwörtlich im Untergrund. Es gibt ganze Krankenhäuser, die unter der Erde sind. Der Operationssaal ist im Untergeschoß, ebenso das Labor und der postoperative Behandlungsraum. Über der Erde haben wir nur Patienten, die stabil sind und rasch in den Keller transportiert werden können, wenn die Bombardierung einsetzt“, erzählt ein anderer Arzt in Homs.

Bevölkerung zahlt enorm hohen Preis

Heutzutage ist der Osten von Ghouta das am stärksten besiedelte Gebiet in Syrien, das sich in Belagerung befindet. Die Bevölkerungszahlen schwanken zwischen 800.000 und 1,2 Millionen Menschen. Sie sind hungrig, werden bombardiert und belagert – die Bevölkerung in Ghouta zahlt einen schockierend hohen Preis. Ärzte ohne Grenzen unterstützt 21 Gesundheitseinrichtungen und stellt bis zu 60% der benötigten Medikamente und Verbrauchsgüter zur Verfügung. Anfang dieses Jahres kamen in eines der Krankenhäuser 128 Verletzte, nachdem ein belebter Markt bombardiert worden war. Das medizinische Team konnte 60 der Verwundeten retten, doch 68 der Patienten und Patientinnen verstarben. An diesem einzigen Tag wurde beinahe der gesamte Vorrat an Notfallmedizin und Material aufgebraucht.

Am 5. März wurde das Gebiet um eine Grundschule in einer ländlichen Region der Provinz Idlib bombardiert – eine grausame Mahnung, dass die Gewalt weiterhin alle Teil des Landes erreicht. Nach dem Angriff wurden 50 Verwundete in drei der nahegelegenen Einrichtungen behandelt, die Ärzte ohne Grenzen unterstützt. Diese Vorfälle kommen in den meisten Medien nicht in die Schlagzeilen, doch sie passieren mit einer schrecklichen Regelmäßigkeit. Gesundheitseinrichtungen in ländlichen als auch städtischen Gebieten kämpfen damit, selbst die grundlegendsten medizinischen Leistungen aufrecht zu erhalten.

Das Programm von Ärzte ohne Grenzen zur Unterstützung syrischer Gesundheitseinrichtungen ist groß angelegt und komplex. Doch es ist immer noch viel zu wenig, um den überwältigenden Bedarf zu stillen. Die medizinischen Netzwerke im Untergrund sind eine dünne Rettungsleine, die hunderttausende Menschen am Leben erhält. Sie müssen in jeder möglichen Form unterstützt werden.

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