Bei Schlangenbiss: Gegengift statt traditioneller Heilmethoden

Awien wird in den Operationssaal gebracht, zum neunzehnten Mal. Ihr rechter Arm hängt kraftlos in einer Schlinge, er ist schwer beschädigt. Die Verletzungen sind irreparabel, aber immerhin hat sie ihn noch, ihren Arm. Und das Wichtigste: Sie lebt.

Die Zehnjährige wurde im Schlaf von einer Schlange gebissen. Zwei Monate ist es her. Ihr geht es wie vielen anderen Bissopfern in Afrika südlich der Sahara: Die medizinische Hilfe kam zu spät. Awien lebt in einem abgelegenen Dörfchen im Südsudan. Die Straße, die in die nächstgrößere Stadt führt, ist weit weg, das nächste Spital sowieso. In ländlichen Regionen wird bei Schlangenbissen oft zu traditionellen Heilmethoden gegriffen. Auch Awiens Familie probierte in ihrer Verzweiflung alles Mögliche aus. Sie zerteilten einen Frosch und legten die Hälften auf die Bissstelle, in der Hoffnung, das Gift würde dadurch aus der Wunde gezogen. Sie verabreichten Awien rohe Eier und danach eine Mischung aus Samen und Blättern, um sie zum Erbrechen zu bringen. Doch Awiens Zustand besserte sich nicht. Da beschloss ihr Onkel, das geschwächte Kind auf dem Rücken in die nächstgelegene Klinik zu tragen. Er lief die ganze Nacht bis nach Agok, wo er seine Nichte in das Spital von Ärzte ohne Grenzen brachte – das einzige in der gesamten Region. 

Großes Problem, mangelhafte Versorgung

Rund 300 Schlangenbiss-Opfer werden jedes Jahr in unserem Spital in Agok behandelt. Die meisten Menschen kommen während der Regenzeit. Die Schlangen ziehen sich in dieser Zeit in Wohnhäuser zurück, wo rund die Hälfte aller Opfer gebissen werden. Auch draußen spielende Kinder sowie Menschen, die auf Feldern arbeiten, sind gefährdet. Doch unabhängig davon, wie und wo es jemanden «erwischt» – die Frage nach der medizinischen Hilfe ist jedes Mal dieselbe. Die meisten Bissopfer leben in entlegenen Gebieten und müssen für eine angemessene Behandlung oft lange Distanzen zurücklegen. Während der Regenzeit sind die Straßen oft unpassierbar; viele Betroffene sind tagelang unterwegs, bevor sie ein Spital erreichen.

Wenige Stunden von Agok entfernt liegt Rumdong. Der Gemeindevorsteher, James Kuol War, berichtete dem unserem Team von einem Mann, der dieses Jahr von einer Giftschlange gebissen wurde und an den Folgen starb. Er hatte es nicht rechtzeitig ins Spital geschafft. Zwei weitere Menschen aus Rumdong wurden im vergangenen Jahr im in unserem Spital betreut, darunter ein 13-jähriges Mädchen. Das Problem ist schon lange bekannt. Ein älterer Dorfbewohner, er ist etwa Mitte siebzig, erzählt, dass er Glück im Unglück hatte. Im Laufe seines Lebens wurde er zweimal von Schlangen gebissen – beide Male ins gleiche Bein. Sein Fuss ist zwar schwer entstellt, aber sonst ist er gesund, kann noch fischen und seine Felder bewirtschaften.

Weltweit sterben jedes Jahr ungefähr 100.000 Menschen an Schlangenbissen, 30.000 davon in Afrika. Jacob Chol Atem, medizinischer Assistent von Ärzte ohne Grenzen, erklärt: "Einige Betroffene erreichen unsere Klinik, wenn es bereits zu spät ist. Andere kommen gar nicht ins Spital. Deshalb können wir das gesamte Ausmaß nur grob einschätzen. Sicher ist, dass Schlangen in der Region ein enormes gesundheitliches Risiko darstellen. Viele Menschen werden nach einem Biss nicht behandelt und sterben an den Folgen."

Antiseren überteuert und schwer verfügbar

Die Vergiftung durch einen Schlangenbiss muss in den meisten Fällen mit einem Gegengift behandelt werden. Doch Antiseren sind teuer und in vielen Gesundheitseinrichtungen nicht vorrätig. Pro Patient können sich die Kosten auf mehrere hundert US-Dollar belaufen, was dem Jahreseinkommen vieler Einheimischer entspricht – gerade in ländlichen Gebieten, wo die meisten Betroffenen leben. Schlangenbisse sind demnach ein medizinisches Problem, das primär arme Menschen betrifft. Tatsache ist auch, dass Pharmakonzerne ihre Medikamente nicht für benachteiligte Bevölkerungsgruppen entwickeln, sondern sie in erster Linie des Profits wegen auf den Markt bringen. Lange Zeit setzten wir auf das Antivenom FAV-Afrique, das gegen das Gift von zehn unterschiedlichen, in der Region häufig vorkommende Schlangenarten wirkte. Der Hersteller beschloss jedoch, die Produktion von FAV-Afrique einzustellen, die letzten Bestände liefen 2016 ab. Da es kein vergleichbares Medikament gibt, musste eine angemessene Behandlungsalternative gefunden werden. Gut zwei Jahre später konnten unsere Teams im Südsudan dann erfolgreich zwei neue Präparate verschreiben. Atem sagt dazu: "Früher war die Behandlung einfacher, direkter. Wir verschrieben bei Schlangenbissen immer dasselbe Gegengift, auch wenn die Schlangenart nicht genau bekannt war. Heute ist es komplizierter: Abhängig von den Symptomen, die jemand aufweist, verabreichen wir unterschiedliche Antiseren. Im Großen und Ganzen funktionieren die Ersatzgegengifte jedoch und wir sind froh, eine Alternative gefunden zu haben."

Eine gute Nachricht – jedenfalls für Patientinnen und Patienten von Ärzte ohne Grenzen in Agok. Doch nicht alle Opfer von Schlangenbissen profitieren von der Lösung, denn die Wahl zwischen zwei Gegengiften basierend auf Symptomen ist schwierig, wenn man kein Spezialist ist. Es werden hochwirksame Antiseren benötigt, die bei allen Arten von Schlangenbissen überregional eingesetzt werden können. Diese sind aber sehr teuer. Aus Kostengründen statten Länder wie der Südsudan ihre Spitäler nicht mit Antiseren aus, Pharmakonzerne produzieren sie nicht, weil die Abnehmer fehlen. Das traurige Ergebnis dieses Teufelskreises: Menschen, die dringend auf die Medikamente angewiesen sind, gehen leer aus.

Wenn Gegengift nicht ausreicht

Warten Bissopfer zu lange, ist die Behandlung um ein Vielfaches komplexer, auch wenn Antiseren verfügbar sind. Wer spät reagiert, riskiert weitere Schäden, zum Beispiel durch das Kompartmentsyndrom. Dabei verursacht das Schlangengift im jeweiligen Körperteil eine Schwellung, was den Druck in den Muskellogen erhöht. Muskeln und Nerven werden nicht mehr richtig durchblutet, die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen verschlechtert sich. Unbehandelt kann das Kompartmentsyndrom Muskeln und Nerven zum Erliegen, im ungünstigsten Fall zum Absterben bringen. Bei akutem Kompartmentsyndrom ist eine Operation die einzige Option. In manchen Fällen sind die Schäden so verheerend, dass Betroffene ihre Arme und Beine nicht mehr bewegen können – oder eine Amputation unumgänglich wird. Jedes Jahr werden geschätzte 400.000 Menschen aufgrund eines Schlangenbisses entstellt oder behindert.

Behandlung langwierig – aber erfolgreich

Seit zwei Monaten liegt Awien im Spital. Als sie eingeliefert wurde, war ihr Zustand äußerst kritisch. Bisher wurden ihr drei Dosen des Gegengifts verabreicht. Erst war sie bewusstlos, nach fünf Tagen erwachte sie. Von da an ging es ihr jeden Tag besser. Sie wurde mehrfach operiert, um abgestorbenes Gewebe zu entfernen. Aufgrund eines Kompartmentsyndroms waren ihre Armmuskeln irreparabel beschädigt worden. Neunzehn Operationen – das ist eine unvorstellbare Belastung. Doch eine Amputation wollte ihre Familie um jeden Preis verhindern. Unser Team tat alles, um Awiens Arm zu erhalten, und das Mädchen hatte riesiges Glück. Leider ergeht es unzähligen Betroffenen deutlich schlechter als ihr.

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