Syrien

Corona in Nordwest-Syrien: Wie sollen sich Menschen schützen, die kein Zuhause haben?

Die Bevölkerung in Syrien ist mehrfach bedroht: Der jahrelange Krieg hat das Gesundheitssystem geschwächt. Innerhalb weniger Monate wurde fast eine Million Menschen vertrieben. Die Coronavirus-Pandemie macht jedoch vor den ohnehin schon schutzbedürftigen Menschen nicht Halt.  Im Nordwesten des Landes treffen wir daher umfassende Vorbereitungen, um rasch auf eine mögliche Ausbreitung des Coronavirus reagieren zu können. Unser Einsatzleiter Cristian Reynders berichtet:

„Es ist noch nicht lange her, als COVID-19 weltweit noch keine Schlagzeilen machte. In den Fernsehnachrichten sah man Berichte über verschiedene, nicht pandemiebezogene Themen. Viele davon betrafen die humanitäre Situation in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens.

Der Krieg in Syrien befindet sich nun in seinem zehnten Jahr, und Idlib ist derzeit das am stärksten von dem Konflikt betroffene Gebiet. Tägliche Bombardierungen und Beschuss haben innerhalb weniger Monate fast eine Million Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Seit Anfang des Jahres wurden durch die Kämpfe mehr als 80 Krankenhäuser außer Betrieb gesetzt. Vor nicht allzu langer Zeit war Idlib eine humanitäre Notlage. Heute ist es das immer noch. Die COVID-19-Pandemie hat einer bereits katastrophalen Situation eine weitere Ebene der Komplexität hinzugefügt.

Letzte Woche bestätigte Syrien seinen ersten COVID-19-Fall. Seitdem ist die Zahl der Infizierten leicht gestiegen, doch bisher wurden in Idlib keine positive getesteten Menschen identifiziert. Unsere Teams wollen jedoch nicht diesen Fall erst abwarten, bevor sie sich darauf vorbereiten, denn wir wissen, wie beunruhigend eine Ausbreitung dieser Krankheit an einem solchen Ort bestellt sein könnte.

Schutzlos ausgeliefert?

In industrialisierten Ländern wie Italien, Spanien und den USA sehen wir, dass öffentliche Krankenhäuser wegen der Verbreitung von COVID-19 am Rande des Zusammenbruchs stehen. Wie wird also das Gesundheitssystem von Idlib damit zurecht kommen?

Wie kann man Menschen bitten, zu Hause zu bleiben, um eine Infektion zu vermeiden? Wo ist überhaupt ihr Zuhause? Wir sprechen von fast einer Million Vertriebener - mindestens ein Drittel der Gesamtbevölkerung von Idlib - die meisten von ihnen leben in Zelten in Lagern. Sie haben kein Zuhause mehr.

Wenn eine Person Symptome von COVID-19 zeigt, wird sie gebeten, sich selbst zu isolieren. Wo ist der Platz dafür in Idlib? Viele Familien müssen ihre Zelte mit anderen Familien teilen. Die Menschen werden auch dazu aufgefordert, gute Hygienemaßnahmen zu ergreifen und sich häufig die Hände zu waschen. Aber wie kann man das tun, wenn man im Dreck lebt?

Wenn man schwere Symptome hat, soll man in ein Krankenhaus gehen. Aber wenn nur eine Handvoll Krankenhäuser geöffnet sind und diese Krankenhäuser bereits überlastet und für einen öffentlichen Gesundheitsnotfall völlig unvorbereitet sind, wo kann man dann eigentlich hingehen?

Medizinisches Personal steht vor Dilemma

Bei der Vorbereitung auf eine mögliche Verbreitung von COVID-19 im Nordwesten Syriens stehen auch die Medizinerinnen und Mediziner vor unmöglichen Entscheidungen. Sie müssen ständig Prioritäten setzen: Sie müssen sich entscheiden, ob sie sich für den Fall, dass die Pandemie Idlib erreicht, schulen und vorbereiten oder ob sie sich mit dem nicht enden wollenden Ansturm von Patientinnen und Patienten die zur Behandlung kommen, auseinandersetzen wollen. Das medizinische Personal in Idlib tut sein Bestes mit den wenigen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Ich werde immer beeindruckt bleiben von ihrer Fähigkeit trotz so vieler Schwierigkeiten standhaft zu bleiben, von ihrer Widerstandsfähigkeit, von ihrem Engagement, unter diesen unglaublichen Bedingungen weiter zu arbeiten.

Auch humanitäre Organisationen müssen unter diesen Umständen unmögliche Entscheidungen treffen. Welche Maßnahmen sollten wir ergreifen, um eine mögliche Verbreitung des Virus zu verhindern? Sollten wir unsere Arbeit in den Lagern einstellen, um zu verhindern, dass sich Menschen vor unseren mobilen Kliniken oder bei der Verteilung von lebenswichtigen Hilfsmitteln versammeln? Schützen wir die Menschen, wenn wir unsere Arbeit einstellen, oder entziehen wir ihnen wesentliche Dienste und gefährden damit möglicherweise ihre Gesundheit? Mit dieser Art von Dilemmata sind die Menschen in unseren Einsätzen ständig konfrontiert.

Corona: Wir treffen Vorsorgemaßnahmen

Die Entscheidung, die Ärzte ohne Grenzen getroffen hat, besteht darin, unsere Aktivitäten am Laufen zu halten. Denn wir wissen, dass die von uns geleistete Hilfe, auch wenn sie nicht alle Bedürfnisse abdeckt, für Zehntausende von Menschen in ganz Idlib lebenswichtig ist. Und weil mehr als 35 Prozent der Pstientinnen und Patienten die wir in unseren mobilen Kliniken behandeln, bereits an Atemwegsinfektionen leiden und eine mögliche Verbreitung des Virus schnell zu Komplikationen führen könnte. Die Menschen brauchen unsere Hilfe und wir wollen nicht aufhören, diese auch zu leisten. Aber wir passen auch unsere Aktivitäten an und versuchen, angesichts einer möglichen Verbreitung von COVID-19 verantwortungsvoll zu handeln.

In den Lagern haben wir damit angefangen, bei unserer regulären Versorgung Maßnahmen zur sozialen Distanzierung umzusetzen. Bei unseren mobilen Kliniken erlauben wir jetzt nur noch kleine Gruppen von Menschen, die sich um unsere Lastwagen versammeln, während sie auf eine Untersuchung warten. Bei der Verteilung von Versorgungsgütern bitten wir die Menschen, einen gewissen Abstand voneinander zu halten. Auf diese Weise helfen wir den Vertriebenen weiterhin, verringern aber auch das Risiko, dass sie sich mit dem Virus anstecken, wenn sie Hilfe holen. Natürlich wollen wir auch unsere eigenen Teams schützen und haben sie mit Schutzausrüstung ausgestattet, damit sie weiterhin in den Lagern arbeiten können.  

Wir haben auch auf Krankenhausebene daran gearbeitet, uns vorzubereiten. Die medizinischen Einrichtungen, die in der Provinz Idlib offen bleiben, spielen eine wichtige Rolle für die Bevölkerung, und wir müssen uns darauf konzentrieren, sie bei der Vorbereitung zu unterstützen. Wir haben in drei verschiedenen Krankenhäusern, die bereits von Ärzte ohne Grenzen unterstützt werden, Hygieneausschüsse eingerichtet. Außerdem haben wir in diesen Einrichtungen neue Triage-Systeme eingerichtet, um verdächtige COVID-19-Patientinnen und Patienten besser identifizieren und isolieren zu können. Und wir führen in Abstimmung mit den lokalen Gesundheitsbehörden und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Schulungen zum Patientenfluss-Management durch.

Hoffnung, dass Solidarität keine Grenzen hat

Wir setzen alles in Bewegung, was wir können, aber pragmatisch gesehen wird es wahrscheinlich nicht ausreichen, wenn sich COVID-19 morgen in der Provinz Idlib ausbreitet. Was heute im Nordwesten Syriens geschieht, ist eine humanitäre Notlage. Ein öffentlicher Gesundheitsnotstand inmitten all dessen könnte schnell katastrophal werden. Es sei denn...

...es sei denn, es gibt eine sofortige internationale Mobilisierung. Es sei denn, es werden den Ärztinnen und Ärzten sowie humanitären Organisationen die Mittel zur Verfügung gestellt, die sie brauchen, um auf diese potentielle Katastrophe richtig zu reagieren. Es sei denn, die Krankenhäuser erhalten das notwendige Material und Ausrüstungen, um dieser ,Krise zusätzlich zu einer Krise’ entgegen zu treten.

Aber die Antwort auf diese Situation kann nicht nur eine medizinische sein. Die Gesundheitsversorgung ist natürlich ausschlaggebend, aber sie ist nicht der einzige Bedarf, den es in Idlib gibt. Die Menschen brauchen immer noch Nahrungsmittel, die Menschen brauchen immer noch eine Unterkunft, die Menschen brauchen immer noch sanitäre Einrichtungen. Wenn man einer Pandemie gegenübersteht, sind all diese Dinge von entscheidender Bedeutung.

COVID-19 betrifft jeden Menschen auf der Welt. Ob die Menschen in Syrien oder in Italien sind, sie sind alle miteinander verbunden. Dieser Virus betrifft jeden, unabhängig von seiner Nationalität oder Hautfarbe. Und genau so wie dieses Virus keine Grenzen hat, so hoffe ich, dass auch die Solidarität keine Grenzen hat.”

 

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