Emails aus dem Einsatz09.07.2014

Sandfliegen, Skorpione & der beste Kaffee der Welt

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Ursula Schlosser hat ihren 4. Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen beendet, diesmal in Äthiopien. Die Labortechnikerin aus Salzburg war in Abdurafi bei einem Projekt zur Behandlung der vernachlässigten Krankheit Kala Azar tätig – und berichtet von 9 Monate Schwitzen.

Geschafft. Ich sitze gerade im Büro von Ärzte ohne Grenzen in Amsterdam und warte auf meinen Termin zur Nachbesprechung des Einsatzes. Es ist kühl und es regnet – ein Traum, nach 9 Monaten Schwitzen. Mein vierter Einsatz führte mich nach Äthiopien, in ein Kala Azar-Projekt im Gesundheitszentrum in Abdurafi im Norden von Äthiopien, ca. 30 km von der sudanesischen Grenze entfernt.


Willkommen in Äthiopien! © Ursula Schlosser/MSF

Kala Azar oder Leishmaniose ist eine von Sandfliegen übertragene parasitäre Erkrankung, die zu extremer Blutarmut und Auszehrung führt und unbehandelt tödlich ist. 8 bis 10 Tote pro Tag gab in dieser Gegend, bevor Ärzte ohne Grenzen kam, so hat es mir einer meiner Labor-Mitarbeiter erklärt. Am meisten betroffen sind sudanesische Feldarbeiter, die über die Grenze nach Äthiopien kommen, um auf den Sesamfeldern zu arbeiten. Der ölige Sesam wird am Abend geerntet, untertags ist es zu heiß. Doch genau dann fangen die Sandfliegen an, aktiv zu werden. Die von den Farm-Besitzern zur Verfügung gestellten Unterbringungsmöglichkeiten sind spärlich oder nicht vorhanden, viele der Arbeiter übernachten in den Feldern. Auch so genannte „Co-Infections“, also eine Infektion sowohl mit Tuberkulose also auch HIV, sind keine Seltenheit. Und Malaria ist dort sowieso ein Dauergast.

Ich bin Anfang Oktober 2013 nach Abdurafi gekommen, nach einem weiteren Flug von Addis Abeba nach Gondar und einer 5 Stunden Autofahrt auf einer Rumpelstraße – mitten ins Nirgendwo. Der Großteil Äthiopiens ist sehr schön wurde mir gesagt, mit grünen Hochland Gebieten. Genau da wo ich nicht war.

Ich erinnere mich an meinen ersten Abend im Projekt. Neben dem ersten Kennenlernen mit den internationalen Kollegen ist man gar nicht hinterhergekommen, Käfer aus seinem Essen zu klauben. Die Insekten wurden abends vom Licht angezogen, zum Glück ist das später mit der Trockenzeit besser geworden. Unser fünfköpfiges Team von internationalen MitarbeiterInnen war klein und fein: Ariel, unser Projektkoordinator aus Polen war unser Ruhepol, sein Motto war: Keine Arbeitsgespräche am Abend – wegen der „mentalen Hygiene“. Unser Logistiker Sean aus Irland war unser Freizeitcoach. Die sonntäglichen Spaziergänge nach Abdurafi Downtown zum Bananenkauf waren eines meiner Highlights. Zahlreiche Kinderhände wurden da geschüttelt. Dann waren da noch unsere Ärztin Ana aus Mexico und Charles, unser medizinischer Teamleiter aus Uganda, beide für die Pepsi- und Bierversorgung zuständig. Meine Aufgabe war die Verwaltung des „Food Money“, des Essensgeldes – so hat jeder etwas zu unserer „WG“ beigetragen. Unsere größte Aufgabe jedoch war die Betreuung eines Krankenhauses mit 120 Mitarbeitern.


Unser internationales Team auf dem Ärzte ohne Grenzen-Traktor © Ursula Schlosser/MSF

Anfang Oktober – mitten in der Malaria Hochsaison: Der überdachte Wartebereich vor dem Labor hat ausgesehen wie ein Schlachtfeld. Die Patienten, die vor lauter Fieber nicht mehr sitzen konnten, sind auf den Steinen gelegen. Mit meinem 5-köpfigen Laborteam haben wir pro Tag bis zu 400 Malaria-Tests, hunderte Stuhl- und Urin-Untersuchungen, zahlreiche Bluttests, biochemische Tests und CD4-Bestimmungen zur HIV Therapie-Kontrolle gemeistert.

Zwischendurch hat es immer wieder mal „Ausfälle“ im Team gegeben: Der Grund dafür war Giardia Lamblia, ein kleiner einzellig-amöber Parasit, der sich mit unseren Bäuchen ein Späßchen trieb. Zum Glück wussten wir bereits, welche Pille schnelle Abhilfe schafft. Unsere pelzigen Mitbewohner loszuwerden war da schon schwieriger. Unser Projektkoordinator hat sich freiwillig dazu bereit erklärt, Rattenfallen aufzustellen und zu leeren. Am meisten erschreckt hat mich aber, als ich zum ersten Mal einen Skorpion in meinen Waschbecken gefunden habe. An das knackende Geräusch, als es von unserem Logistiker mit einer „Nido“ Milchpulverdose zerdrückt wurde, erinnere ich mich heute noch.

Im Jänner sind die Malaria-Fälle langsam zurückgegangen – der Beginn der Kala Azar-Saison. Die größte Herausforderung in dieser Zeit waren die Bluttransfusionen bzw. das Finden von Blutspendern. Sogar Familienmitglieder von Patienten haben Angst, Blut zu spenden. Man wird davon krank und schwach, sagt man sich. Für die Feldarbeiter, die ohne Familie oder Freunde ins Krankenhaus kommen, ist es dann noch schwerer, eine Blutkonserve aufzutreiben. Wir versuchten, Fußball-Turniere mit den Nachbardörfern zu veranstalten, um für Blutspender zu werben und unsere mobilen Krankenschwestern und Trainer zum Thema Gesundheitsaufklärung waren auf der ständigen Suche nach Freiwilligen.

Mit den kühlen Nächten war es Anfang März dann vorbei. Untertags sind die Temperaturen bis zu 44°C im Schatten gestiegen und über Nacht nicht mehr unter 30°C gesunken. Mein „Diana Menthol“ Spray für die schweren Beine war da ein echter Renner unter den internationalen Mitarbeitern. Inzwischen wurden Ana und Charles von Hemant, einem nepalesischen Arzt, und Joan, einer nordirischen Krankenschwester, abgelöst. Da es nun zu heiß zum Spazierengehen war, haben wir uns unsere Sonntage dem Spielen von „Die Siedler von Catan“, Filme schauen und schlafen vertrieben.

Zu den immer noch hohen Kala Azar-Zahlen sind häufig schwere Masern-Fälle ins Krankenhaus gekommen. Da darunter auch Erwachsene waren, vermuteten wir, dass Impfkampagnen in den letzten Jahren nicht bis in diese Gegend vorgedrungen sind.

Im April hatte ich eine „große Pause“. Ich durfte nach Nairobi zum Labor-Workshop – ein bunter Haufen aus Labortechnikern von Ärzte ohne Grenzen aus aller Welt. Und gleich danach zwei Wochen Urlaub in meinem Zuhause im Land Salzburg.

Als ich Anfang Mai nach Abdurafi zurückkam, ist es plötzlich ruhig geworden. Der Höhepunkt der Kala Azar-Saison war vorbei. Unsere behelfsmäßigen, aus Wellblech zusammengezimmerten Stationen waren fast leer. Endlich Zeit, um Mitarbeiterschulungen zu veranstalten. Unser Auffrischungstraining für venöse- und Kapillarblutentnahme und Malaria-Blutausstriche ist bei den Krankenschwestern gut angekommen.


… auch ein Bluttest will gelernt sein! © Ursula Schlosser/MSF

Doch gleichzeitig merkte man, wie müde alle geworden sind. Doch viel Zeit zum Ausruhen war da nicht. Im Juni hat es dann zu regnen begonnen. Der nahe gelegene Fluss, der gleichzeitig die Wasserquelle für die ganze Region ist, wurde durch die Regenfälle aufgespült und ist braun geworden. Alle wussten, was das heißt: Die Rückkehr von Mosquitos und intestinalen Parasiten.

Für mich war es  dann aber auch schon Zeit, meinen Übergabe-Bericht zu schreiben und „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Die letzte äthiopische Kaffee-Zeremonie auf meiner Abschieds-Party habe ich selbst durchgeführt. Ich war eine gelehrige Schülerin im Kaffee rösten in den letzten 9 Monaten und bin mir in einem sicher – ich habe hier in Äthiopien den besten Kaffee der Welt getrunken.


Ursula Schlosser gehört zu jener gefragten Gruppe an LaborspezialistInnen, die sich in ihrer Ausbildung ein umfassendes Grundwissen in der Routinediagnostik im Spitalskontext erwerben konnte. Von Ärzte ohne Grenzen erfuhr sie aus den Medien und erkannte sofort, dass ihre fachliche Kompetenz für den Einsatz in Krisengebieten von großem Nutzen sein kann. Mittlerweile hat sie ihr humanitäres Engagements bereits nach Kirgisistan, in den Südsudan, nach Kenia und nach Äthiopien geführt. Wir suchen dringend Mitarbeiterinnen wie Ursula Schlosser! Jetzt informieren & bewerben

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