Vera Schmitz09.12.2014

Tamam? Tamam!

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Nun bin ich schon einen Monat in Malakal, im „Paradise“, wie wir internationalen Mitarbeiter unser vorübergehendes Heim auch schon Mal scherzhaft nennen. Inzwischen habe ich mich schon recht gut an die Arbeit und den Alltag hier gewöhnt.

Dazu gehört natürlich auch die tägliche Erweiterung meiner Arabischkenntnisse - und das mit Abstand am häufigsten gebrauchte Wort ist „Tamam“! Das bedeutet so viel wie "Alles gut?" und als Antwort heißt es natürlich ebenfalls – „Tamam“! - Alles in Ordnung, mir geht‘s gut.

Im Moment erleben wir hier den Höhepunkt der Malariasaison - fast jede zweite Aufnahme in unser Spital erfolgt aufgrund der Notwendigkeit einer stationären Behandlung. In der Regel können die meisten Fälle aber mit Tabletten behandelt werden und verlaufen ohne Komplikationen. Letzte Woche haben wir aber leider auch den Kampf um ein an schwerer Malaria erkranktes Kind verloren.

Im Stationsalltag liegt meine Hauptaufgabe als Krankenschwester jedoch vor allem darin, die einheimischen Mitarbeiter zu unterstützen und anzuleiten. Das Ausbildungslevel ist aufgrund der jahrelangen Konflikte sehr niedrig, da die Menschen in dieser unsicheren Lage nur schwer Zugang zu einer qualitativen Ausbildung haben. Doch ihr Interesse und ihre Motivation, Neues zu lernen, erleichtert die Zusammenarbeit.

Außerdem habe ich hier im Gegensatz zu meiner Arbeit in Wien mehr administrative Aufgaben: Beispielsweise bin ich auch für die Apotheke (und teilweise das Lager) im Spital zuständig - das betrifft die monatliche Inventur und Bestellung und vor allem auch die Kühlkette für all jene Medikamente, die daheim im Kühlschrank gelagert werden. Hier haben wir dafür Kühlboxen, die mit Kühlakkus gefüllt werden und streng kontrolliert werden müssen. Denn viele Arzneimittel und Impfstoffe müssen konstant auf 2-8°C gekühlt werden, die Kühlkette darf dabei nicht unterbrochen werden (mehr dazu in einer anschaulichen Infografik.)

Mein Highlight des Tages heute war die Aufnahme eines frühgeborenen Kindes. Da ich in Wien auf einer Neugeborenen-Station arbeite, war das natürlich etwas Besonderes für mich – ich bin gespannt, wie die nächsten Tage verlaufen werden. Bisher sieht es gut aus, der Kleinen geht es gut und jetzt heißt es vor allem, die ersten wichtigen Lebenstage ohne Infektion zu überstehen. Da sie noch zu klein und zu schwach ist, um ihre gesamte Mahlzeit selbst von der Brust zu trinken, haben wir heute die Mama angeleitet, stündlich die Brust aus zu massieren, um so auch den Milcheinschuss in Gang zu bringen. Dazu kommt dann ein improvisiertes „Kangarooing“ auf Afrikanisch: Dabei wird das nackte Kind auf Mamas nackte Haut gelegt. Das fördert nicht nur die Mutter-Kind-Beziehung, sondern stimuliert vor allem auch die noch nicht ganz ausgereifte Atmung des Kindes und wirkt sich ebenfalls positiv auf die Milchbildung aus.


Mutter und Kind beim „Kangarooing“ © Vera Schmitz/MSF

Das Ganze ist dann wiederum eine tolle Gelegenheit für „Bedside Training“ der einheimischen Pflegekräfte. Neugeborene sind bei uns zwar eher eine Ausnahme, aber gerade dadurch auch eine Chance, Wissen zu vermitteln - und die meisten unserer Krankenschwestern sind wirklich sehr wissbegierig und motiviert, Neues zu lernen. Das bestätigt mich dann auch wieder in meiner Arbeit hier :-) Tamam!

Viele liebe Grüße!

Eure Vera

PS: Nachts wird es hier mittlerweile schon regelrecht kalt, da könnte ich gut einen Punsch vom Christkindlmarkt vertragen, also trinkt einen für mich mit! ;-)


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Kommentare

ABDALLA HUSSEIN
Great job! we are proud of your work.
Ursula und Norb...
Hallo Vera, wir sind gute Bekannte ihrer Eltern und haben uns zuletzt auf dem 60. Geburtstag Ihrer Mutter gesehen. Ihren Einsatz im Sudan bewundern wir und freuen uns, dass es immer wieder junge Menschen gibt, die sich für die Menschen in solchen Ländern einsetzen. Bleiben Sie gesund und kommen Sie gut ins neue Jahr. Ursula und Norbert Gerke
Rosemarie Röhs
Hallo Vera, hier ist Rosi in Wiesmoor. Bin voller Bewunderung und Respekt für dein Engagement bei MSF. Auf diesem Wege sende ich dir liebe Weihnachtsgrüsse und hoffe, dass dich nicht allzu viele traurige Gedanken heimsuchen. Für das neue Jahr viele gute Wünsche und weiterhin viel Freude bei deinem Einsatz. Herzlichst Rosi

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