Honduras

Honduras: Einsatz gegen sexuelle Gewalt ein Schwerpunkt für Ärzte ohne Grenzen

Als sich Aurelia um 5 Uhr morgens auf den Weg zur Arbeit machte, waren die Strassen von Tegucigalpa noch menschenleer. Plötzlich näherte sich ihr eine weisse Limousine mit getönten Scheiben. Als das Fenster heruntergelassen wurde, hielt ihr ein Mann eine Pistole ins Gesicht. "Er befahl mir einzusteigen", erzählt die 35-jährige Aurelia. "Ich versuchte, weiterzugehen, doch das Auto folgte mir. Er sagte, ‚steig ein oder wir erschiessen dich. Einer der Männer setzte sich auf die Rückbank und ich musste vorne Platz nehmen. Sie klebten mir den Mund zu und banden mir die Hände zusammen und befahlen mir zu schweigen, ansonsten würden sie mich töten. So blieb ich ganz still, damit sie mich nicht töten würden..."

Aurelia wurde von den fremden Männern im Auto mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt. Als sie freigelassen wurde, suchte sie eine von Ärzte ohne Grenzen unterstützte Klinik auf, wo sie ärztlich versorgt wurde und auch psychologische Betreuung erhielt. Ihre Geschichte, so schlimm sie ist, ist leider bei Weitem kein Einzelfall. Aurelia ist nur eines von tausenden Opfern sexueller Übergriffe in der honduranischen Hauptstadt, die als eine der gefährlichsten Städte der Welt gilt. Alle 74 Minuten wird in Tegucigalpa jemand ermordet, während tausende mehr verschleppt, entführt oder vergewaltigt werden. Von den 2.832 Vergewaltigungsfällen, in denen die honduranische Staatsanwaltschaft tätig war, betrafen die meisten junge Menschen unter 19 Jahren. Die grosse Mehrheit der Opfer waren Mädchen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren.

Höchstwahrscheinlich repräsentieren diese schockierenden Zahlen jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Denn aus Angst vor Racheakten und wegen dem Stigma im Zusammenhang mit Vergewaltigung wird nur ein kleiner Anteil der Übergriffe der Polizei gemeldet. Noch kleiner dürfte der Anteil der Betroffenen sein, die nach dem Übergriff die benötigte ärztliche und psychologische Betreuung erhalten. Allzu oft wird die Hilfe nur häppchenweise angeboten, und es sind zahlreiche Gänge in verschiedene Kliniken nötig, so dass weder die Kontinuität der Behandlung noch die Vertraulichkeit sichergestellt ist. Angesichts all dieser Hindernisse ziehen es viele Überlebende vor, schweigend zu leiden.

Der 'servicio prioritario', ein Express-Service, soll dies ändern. Der Dienst, der von Ärzte ohne Grenzen und dem Gesundheitsministerium 2011 in Tegucigalpa eingerichtet wurde, ermöglicht Menschen, die unter medizinischen oder psychischen Folgen von Gewalt – einschliesslich sexueller Gewalt – leiden, umgehend behandelt zu werden. Die benötigte Pflege sollen sie in einer einzigen Klinik, innerhalb eines Besuchs und kostenlos erhalten. Dabei wird ihnen volle Vertraulichkeit zugesichert.

Die angebotene medizinische Notfallversorgung schliesst auch Postexpositionsprophylaxe ein, die eine Ansteckung mit Starrkrampf, HIV, Hepatitis B und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten verhindern kann. Dazu muss die Prophylaxe aber innerhalb von 72 Stunden nach dem Übergriff eingenommen werden. Daneben erhalten die Betroffenen psychologische Soforthilfe und Beratung. Für Überlebende sexueller Gewalt kann die angemessene Betreuung den Unterschied zwischen Leben und Tod machen.

"Bevor sich die Ärzte um mich kümmerten, wollte ich sterben", sagt Aurelia. "Ich fühlte mich schmutzig, es war, als hätte ich einen Teil meines Lebens verloren. Ich wollte so nicht mehr leben. Eine Therapie half mir, mit meiner Situation zurechtzukommen. Das hat mein Leben verändert."

Zwischen Jänner 2013 und Juni 2014 haben die Ärzte ohne Grenzen -Teams 1.008 Überlebende sexueller Gewalt ärztlich versorgt und 1.230 psychologische Beratungen abgehalten.

Derzeit ist der 'servicio prioritario' in drei Gesundheitszentren der Hauptstadt sowie im Escuela-Spital verfügbar, dem grössten Spital der Stadt. Zudem ist ein mobiles Team von Ärzte ohne Grenzen unterwegs, um auch andere Teile der Stadt zu erreichen.

Der 'servicio prioritario' ist für die Opfer sexueller Gewalt äusserst wertvoll, doch ein zentrales Element fehlt. Denn die grösste Angst vieler Frauen nach einer Vergewaltigung ist eine ungewollte Schwangerschaft. Dennoch wurde die Notfallverhütung, die sogenannte Pille danach, in Honduras 2009 verboten und darf somit auch von Ärzte ohne Grenzen nicht angeboten werden.

"Wenn die Patienten zu uns kommen, sind sie häufig sehr aufgewühlt und durcheinander wegen des Übergriffs", erklärt Diana, die als Ärztin für Ärzte ohne Grenzen in einem Gesundheitszentrum in Tegucigalpa arbeitet. "Sie fühlen sich frustriert, hilflos und wütend, und zudem haben sie große Angst, dass sie schwanger sein könnten. Das bereitet ihnen die meisten Sorgen."

Ohne diese Notfallverhütung haben Mädchen und Frauen, die infolge einer Vergewaltigung schwanger geworden sind, zwei Möglichkeiten: Entweder sie bringen ein Baby zur Welt, das sie womöglich nicht wollen, oder aber sie nehmen das Risiko einer illegalen und gefährlichen Abtreibung auf sich. Beide Optionen haben grosse medizinische, psychische und soziale Konsequenzen.

Für medizinisches Personal ist es sehr frustrierend, wenn Vergewaltigungsopfern diese Notfallverhütung nicht angeboten werden darf. "Es ist sehr schwierig, einer Person nach einem sexuellen Übergriff zu erklären, weshalb wir ihr die Pille danach nicht geben dürfen", sagt Diana. "Das ist frustrierend für mich als Ärztin. Ich fühle mich hilflos – ich weiss zwar, dass es diese Pille gibt, und sie wissen es auch, aber wir haben keinen Zugriff dazu."

Ärzte ohne Grenzen setzt sich derzeit dafür ein, dass die Notfallverhütung in Honduras wieder legal wird, damit Vergewaltigungsopfer keine ungewollte Schwangerschaft oder eine unsachgemäß vorgenommene Abtreibung riskieren. Inzwischen arbeiten die Ärzte ohne Grenzen -Teams daran, den „servicio prioritario" in Tegucigalpa weiter auszubauen. Dieser soll anschließend im ganzen Land verfügbar sein, so dass Opfer sexueller Übergriffe überall im Land die Hilfe erhalten, die wie im Falle von Aurelia das Leben wieder lebenswert machen.

Ärzte ohne Grenzen ist seit mehr als 25 Jahren in Zentralamerika tätig und führte Einsätze nach Naturkatastrophen und anderen medizinischen und humanitären Krisen durch. Daneben bekämpft die Organisation die medizinischen Konsequenzen von Gewalt.

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