18.05.2021

In den letzten Wochen kam es zu mehreren Konfrontationen zwischen israelischen Streitkräften und palästinensischen Gruppen. Die Spannungen in Jerusalem konzentrierten sich auf das Viertel Sheikh Jarrah, wo sich palästinensische Familien von der Vertreibung aus ihren Häusern bedroht sahen.  

In zwei aufeinanderfolgenden Nächten, am Montag, den 10. und Dienstag, den 11. Mai, drangen bewaffnete israelische Streitkräfte auf den Tempelberg (Haram al-Sharif) vor ein, wo sich palästinensische Gläubige aufhielten.  

Als Reaktion feuerten militante palästinensische Gruppen Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel ab, und Israel startete am Montag, dem 10. Mai abends, Luftangriffe auf den Gazastreifen. Seitdem gehen die Bombardierungen weiter. Die Leittragenden des Konflikts: Zivilpersonen.  

Ärzte ohne Grenzen Klinik durch Bombardierung beschädigt

Am Sonntag, den 16. Mai 2021, wurden bei israelischen Luftangriffen in Gaza-Stadt nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza mindestens 42 Menschen getötet, darunter 10 Kinder. Durch die Bombardierung wurde auch unsere Klinik beschädigt. Ein Sterilisationsraum unbrauchbar und ein Wartebereich wurden zerstört. In unserer Klinik, in der wir Trauma- und Verbrennungsbehandlungen durchführen, wurde niemand verletzt. 

Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, der vor Ort war, beschreibt Szenen des blanken Entsetzens, als gewaltige Explosionen das Viertel erschütterten und Menschen schreiend und weinend auf die Straße rannten.  

Alles wurde in Mitleidenschaft gezogen: Häuser, Straßen, Bäume. In der Klinik fehlte eine Wand, und überall lagen Trümmer.

Dr. Mohammed Abu Mughaiseeb, stellvertretender medizinischer Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Gaza

Die Klinik musste vorübergehend schließen, nicht nur wegen der Schäden am Gebäude, sondern auch weil die Straße, die zu ihr führt, zerstört wurde. Außerdem gilt die Gegend immer noch als unsicher. 

Medizinische Versorgung der Verwundeten wird immer schwieriger

Der Zugang zur medizinischen Versorgung von Menschen mit lebensbedrohlichen Verletzungen ist stark eingeschränkt. Durch die Luftangriffe wurden viele Straßen, die zu Krankenhäusern führen, beschädigt. Darüber hinaus sind viele medizinische Mitarbeiter:innen auf dem Weg zur Arbeit um ihre Sicherheit besorgt. Zwei Ärzte waren unter den 42 Menschen, die bei den Luftangriffen in der Nähe unserer Klinik getötet wurden.  

Ein weiter Grund zur Sorge ist der Zugang zu Medikamenten und medizinischer Ausrüstung. Bestimmte medizinische Vorräte werden bald aufgebraucht sein – Nachschub kann momentan nicht garantiert werden.  

Zusätzliches humanitäres Personal und Hilfsgüter dringend gebraucht

Die Situation ist kritisch. Die Zahl der Verwundeten und Vertriebenen nimmt zu, während zusätzliches humanitäres Personal und Hilfsgüter immer noch nicht nach Gaza gelangen können.

Ely Sok, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in den Palästinensischen Autonomiegebieten

Ein Ärzte ohne Grenzen Team arbeitet in 24-Stunden-Schichten, um das medizinische Personal in der Notaufnahme des Al-Awda-Krankenhauses in der Gegend von Jabalia zu unterstützen. Das Team behandelt täglich 40 bis 45 Patient:innen mit tiefen Wunden und schweren Verbrennungen.

Große Sorge vor weiterer Eskalation und weiteren Opfern

Israel muss diese Angriffe im Herzen des Gazastreifens beenden, denn wir haben immer wieder gesehen, dass sie Zivilist:innen töten - egal wie "gezielt" die Angriffe sind.

Ely Sok, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in den Palästinensischen Autonomiegebieten

Das Gebiet ist so dicht besiedelt, dass es nicht möglich ist, die Auswirkungen einer solchen Bombardierung genau einzugrenzen.

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Spannungen in nächster Zeit abnehmen werden, und unsere Teams bereiten sich nun auf eine weitere Eskalation des Konflikts vor.  

Gleichzeitig sind wir äußerst besorgt, dass es zu mehr Opfern und mehr Schäden an der zivilen Infrastruktur kommt. Außerdem machen wir uns Sorgen über die möglichen psychologischen Auswirkungen der Kampfhandlungen auf unsere Patient:innen und Mitarbeiter:innen. Die intensiven Bombardierungen können frühere Kriegstraumata verschlimmern.