Haiti

Haitianische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen helfen nach dem Erdbeben entschlossen weiter

Obwohl sie selbst Freunde oder Angehörige verloren haben, helfen die haitianischen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen auch nach dem Erdbeben entschlossen ihren Mitmenschen. Ein Bericht aus Port-au-Prince.

Der haitianische Chirurg Philippe Brouard arbeitet seit 2006 für Ärzte ohne Grenzen im Trinité-Krankenhaus in Port-au-Prince. Am Morgen nach dem Erdbeben fand er den großen Teil des chirurgischen Traumazentrums zerstört vor. Zwei seiner Kollegen und zahlreiche Patienten waren bei dem Zusammenbruch des Gebäudes ums Leben gekommen. Ärzte ohne Grenzen evakuierte daraufhin sofort Patienten aus dem Krankenhaus und behandelte sie außerhalb weiter. Gleichzeitig kamen verwundete Menschen in großer Zahl aus der Umgebung zu dem Krankenhaus, das es so nicht mehr gab. Philippe Brouard hat noch am gleichen Tag die Aufgabe übernommen, unter den vielen Patienten diejenigen auszuwählen, die sofort Nothilfe brauchten. Am zweiten Tag führte er in einem improvisierten Operationssaal Amputationen durch.

 

„Machen Sie sich keine Sorgen, wir vergessen Sie nicht“

 

„Die Patienten hörten nicht auf, meine Aufmerksamkeit zu suchen, sie berührten mich, sagten: ‚Bitte, Herr Doktor, vergessen Sie mich nicht!’“, erinnert sich Philippe Brouard. „So viele Leute riefen nach einem, und man konnte nur sein Bestes tun – natürlich muss man in solch einer Situation Prioritäten setzen. Wir haben während den Untersuchungen immer noch versucht, gleichzeitig andere Patienten zu trösten und ein aufmunterndes Wort an sie zu richten: „Machen Sie sich keine Sorgen, wir vergessen Sie nicht.“

Philippe Brouard ist glücklich, dass seine Familie in Sicherheit ist und sein Haus noch steht. Dennoch ist auch er von den Auswirkungen des Erdbebens betroffen. „Den ganzen Tag bin ich auf meine Patienten konzentriert und behandle sie. Aber wenn ich nach Hause gehe, sehe ich, wie es in meinem Land aussieht. Das macht etwas mit mir“, sagt er. „Man sieht den zerstörten Supermarkt, die einsturzgefährdete Bank, und dann denkt man einfach darüber nach, wie das Leben in einer Woche aussehen wird oder in einem Monat oder einem Jahr.“

 

„Das hier geht jeden etwas an“

 

Im Gegensatz zu Philippe Brouard sind von vielen anderen unserer haitianischen Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen Angehörige gestorben und Wohnungen zerstört worden. Charles Joseph, ein Sozialarbeiter von Ärzte ohne Grenzen am Martissant-Krankenhaus, hat einen Cousin und sein Haus beim Erdbeben verloren. „Wir leben jetzt mit meiner Frau, den Kindern und allen anderen auf der Straße“, erzählt er. „Ich bin zur Arbeit gekommen, weil eine Katastrophe passiert ist und sie mich etwas angeht. Das hier geht jeden etwas an. Wenn Menschen aus anderen Ländern ihr Leben riskieren und herkommen, um Menschen zu behandeln, muss ich als Haitianer das gleiche tun.“

Das Engagement und die harte Arbeit der haitianischen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen waren ganz wichtig, um direkt nach dem Beben Menschenleben zu retten. Etwa 800 haitianische Kollegen und Kolleginnen arbeiteten vor der Katastrophe in drei Krankenhäusern von Port-au-Prince. Leider hat Ärzte ohne Grenzen inzwischen Gewissheit darüber, dass vier von ihnen starben. Von sechs weiteren liegt noch keine Nachricht vor.

Der internationale Präsident von Ärzte ohne Grenzen, Christophe Fournier kam in die Hauptstadt, um den haitianischen Kollegen im Namen aller Mitarbeiter sein Beileid zu bekunden. Er bedankte sich bei ihnen, dass sie trotz dieser Katastrophe im eigenen Land und den damit verbundenen persönlichen tragischen Ereignissen, weitergearbeitet haben.

 

„Wir teilen eure Trauer und euren Schmerz“

 

„Ich möchten Euch allen sagen, dass die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen weltweit Eure Trauer und Euren Schmerz teilen“, so Fournier in einer Ansprache im Martissant Krankenhaus. „Wir alle denken an Euch – so viele unter Euch haben Familienmitglieder und Freunde und ihr Zuhause verloren. Und dennoch seid Ihr alle hier und arbeitet hart, um Leben zu retten und Menschen zu behandeln. Im Namen von Ärzte ohne Grenzen möchte ich Euch danken und sagen, dass wir zusammenhalten und wir Euch nach dieser Katastrophe unterstützen werden.“

In den zerstörten Straßen von Port-au-Prince kämpfen die Menschen darum, weiterzuleben. „An Wirbelstürme waren wir gewohnt, aber mit einem Erdbeben haben wir überhaupt nicht gerechnet“, erklärt Philippe Brouard. „Es wird Zeit brauchen, um uns davon zu erholen. Wir haben Menschen verloren und sehr viel Materielles. Unter den vielen Menschen, die gestorben sind, waren auch wichtige Leute – auch sie zu ersetzen, wird Zeit brauchen. Was wird nur aus diesem Land werden?“

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