09.09.2021

Am 9. September 2020 ist in dem Geflüchtetenlager Moria ein Feuer ausgebrochen. Das Lager auf der griechischen Insel Lesbos wurde vollkommen zerstört. Seine Bewohner:innen über Nacht obdachlos. Sie verloren die wenigen Dinge, die sie bis dahin noch hatten. 

Nach dem Feuer schliefen wir zehn Tage auf der Straße. Wir hatten nichts zu essen und nichts zu trinken.

Geflüchtete aus Afghanistan, lebt mit ihrer Familie seit zwei Jahren in den Lagern auf Lesbos

Fotos, die um die Welt gingen

Nach dem Brand sahen die Menschen, die in Moria gelebt hatten, einer ungewissen Zukunft entgegen. Wir haben uns angesehen, was seitdem in den Lagern auf den griechischen Inseln passiert ist und wie es den Menschen dort jetzt geht: 

Evakuierungen (erneut) gefordert

Nachdem die Bilder von dem Brand um die Welt gingen, wurden Rufe und Forderungen aus der Bevölkerung laut: Die Menschen, die in Moria lebten, sollten endlich in Ländern der Europäischen Union, in Sicherheit, gebracht werden. Sie haben ein Recht auf ein Leben unter menschenwürdigen Bedingungen - mit Zugang zu Wasser, Nahrung, sanitärer Einrichtungen, medizinischer Versorgung.

MSF response to Moria Fire
Enri CANAJ/Magnum
Auf den griechischen Inseln wird für eine menschenwürdige Zukunft demonstriert.

In einem gemeinsamen Appell riefen wir gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen die österreichische Regierung dazu auf, die Evakuierung schutzbedürftiger Personen nach Österreich zu ermöglichen.

Leere Versprechungen und ein neues Lager

Politiker:innen reagierten. Mitleids- und Solidaritätsbekundungen mit den Menschen in Moria wurden vor laufenden Kameras ausgesprochen. Versprechungen, was sich in Zukunft alles ändern würde, wurden gemacht. 

No more morias!

Y. Johansson, EU-Kommissarin, 24.09.2020

Gleichzeitig wurde aber schon an einem neuen Lager gebaut, unweit des abgebrannten Morias. Die Menschen wurden in das neue Lager übersiedelt.

Die Lebensbedingungen in dem neuen Lager Kara Tepe sind mindestens genauso schlecht wie in Moria. Es fehlt an allem: Wasser, Nahrung, Sanitäranlagen, Platz. 

Samos - January 2021
Dora Vangi/MSF
Kein Mensch sollte unter diesen Umständen leben müssen.

Video: Mariam* hat Moria überlebt

Mariam* erzählt, wie sie den Brand in Moria erlebt hat und was sich seitdem getan hat. Gut geht es ihr und ihrer Familie nicht. Dabei wünscht sie sich nichts mehr als ein normales Leben:

* Name wurde zum Schutz der Patientin geändert.

Katastrophale Umstände seit 5 Jahren

Die Notlage auf den griechischen Inseln hält bereits seit fünf Jahren an – Jahre, in denen oft nicht einmal die Grundbedürfnisse der Menschen abgedeckt wurden. Vom Leben zwischen Ratten und Schlangen erzählte uns eine Patientin, die mit ihrer Familie aus Syrien fliehen musste:

„Wir sind wegen des Krieges von unserem Zuhause geflohen und hatten die Hoffnung, dass wir in Europa ein neues Leben aufbauen können. Jetzt sind wir hier und es ist einfach nur schockierend. Wir leben in einem Zelt mit Ratten und Schlangen. Wir sind eigentlich eine gut gebildete Familie. Mein Mann und ich waren Volkschullehrer in Syrien. Ich wünsche mir eine bessere Zukunft für meine Kinder, eine wo sie in Sicherheit sind und auch zur Schule gehen können.“ 

Winter im Zelt

Das einzige, was mein Baby im Winter warm gehalten hat, war diese Decke, die Sie hier sehen. Dieser Ort macht mich krank.

Sharide musste mit ihrer Familie aus Syrien fliehen
Samos - January 2021
Dora Vangi/MSF
Sharides jüngstes Kind wurde im Camp geboren.

Der Winter in Griechenland war dieses Jahr kalt. Das ist er jedes Jahr. Sharide wusste nicht, wie sie ihre vier Kinder im Winter warmhalten sollte. Winterjacken oder Stiefel hatte die Familie nicht. Die Hoffnung bald hier wegzukommen, hat Sharide nach über einem Jahr fast aufgegeben: „Wir wissen nicht, wie es weitergehen soll. Wir wissen nicht, was uns erwartet und wie lange wir hier noch warten müssen.”  

Lebensumstände, die krank machen

Ein Blick auf die Zahlen zeigt das Ausmaß des Elends: Allein 2019 und 2020 hat Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos, Samos und Chios 1.369 Patient:innen psychologisch behandelt. Viele zeigten schwere Krankheitsbilder wie posttraumatische Belastungsstörungen.

180 Menschen, davon zwei Drittel Kinder, mussten wegen Selbstverletzungen und Suizidversuchen behandelt werden. Das jüngste Kind war sechs Jahre alt. 

Europa hilft?

Die Europäische Union macht keine Anstalten etwas an der Situation zu ändern. Nicht vor dem Brand in Moria und nicht danach. Im Gegenteil: Griechenland und die EU verstärken die Krise nun sogar, indem sie an abgelegenen Stellen der Inseln geschlossene, gefängnisartige Lager planen, samt Stacheldrahtzäunen und Eingangskontrollen. 

EU failed containment model Report
Dora Vangi/MSF
Sieht aus wie ein Gefängnis. Geflüchtete auf Samos sollen bald in dieses neue Lager übersiedeln.

„Es ist eine tragische Ironie, dass, während die Welt die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan beobachtet, die EU und Griechenland ein neues gefängnisähnliches Lager planen, um Geflüchtete auf der Insel Samos 'wegzusperren'. Das ist die beste Demonstration der Grausamkeit der Migrationspolitik der EU“, sagt Konstantinos Psykakos, Projektleiter von Ärzte ohne Grenzen in Griechenland.

"Hilfe vor Ort" aus Österreich

Die österreichische Bundesregierung versprach nach dem Brand in Moria, „Hilfe vor Ort“ zu leisten. Angekommen ist die angekündigte Hilfe jedoch nicht.

Zelte und Heizstrahler wurden nach Griechenland geschickt, die jedoch kaum zum Einsatz kamen. Eine Kindertagesstätte wurde angekündigt – bis heute wird dort jedoch kein Kind mehr betreut als zuvor.

Vielmehr müssen nach wie vor Hilfsorganisationen und private Helfer:innen einspringen, um die riesigen Lücken in der Versorgung und Betreuung der betroffenen Menschen sicherzustellen. 

Ein Jahr danach – was hat sich verbessert?

Nichts.

Mein einziger Traum ist es, von Samos wegzukommen.

Ebo, lebt seit zwei Jahren im Lager

Wie viel Zeit soll noch vergehen, bis die Menschen in den Lagern auf den griechischen Inseln endlich evakuiert werden?

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